Montag, 15. September 2014

Vom Hören und Verwahren in Schmerzen

Sieben Schmerzen Mariens - Augustiner-Museum Freiburg
Gestern noch der Kreuzestriumph, heute nun die Schmerzensmutter: Die Ekklesia ruft uns in Erinnerung, daß das Gottesreich, zu dem wir gemacht und bereitet sind und bereit sein sollen, mit dem Blut des Kyrios erkauft ist (vgl. Offb 5, 10): ein hoher Preis. Sie erinnert uns daran, indem sie Maria ehrt und des siebenfachen Schmerzes Unserer Lieben Frau gedenkt - soll heißen: der unzähligen Schmerzen Mariens.
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Zwar wurden im Lauf der Zeit einige Momente des Marienlebens zu jenem siebenfältigen Kranz zusammengefügt, der einzelne, besonders hervorgehobene Momente beleuchtet: Simeons Weissagung vom Schwert, das in die Seele dringe, die Flucht gen Ägypten, die Suche nach Jesus im Tempel, dann die Begegnung auf dem Weg zur Kreuzigung und diese alsdann selbst, die Beweinung Christi nach der Kreuzabnahme und dessen Grablegung. Aber das sind keine isolierten Ereignisse, die man aus der Biographie Mariens haarscharf herauslösen könnte.
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Gleich zweimal berichtet uns das Lukas-Evangelium davon, Maria habe Gehörtes in ihrem Herzen bewahrt. Dieses "Hören" scheint mir mehr zu meinen als das Ablauschen von Worten - darum geht es auch, aber nicht nur.
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 "Hören" im biblischen Sinn ist die Wahrnehmung der Spuren Gottes in der Welt und in der Geschichte - man hört nicht nur Worte, man hört Ereignisse, hört zwischen den Zeilen dessen, was um einem herum geschieht, hört den Finger Gottes, der das Leben in vielfältiger Weise berührt. Dieses Hören ist eine Sache, die entsprechenden Zeichen einzuordnen eine andere. Lukas also sagt uns am Ende seines Berichtes von der Geburt Christi, Maria habe "alle diese Worte" verwahrt und das Gehörte "in ihrem Herzen" zusammengefügt (Lk 2, 19). 
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Ähnliches lesen wir, wenn von jener Wallfahrt nach Jerusalem die Rede ist, bei welcher der zwölfjährige Jesus seinen Eltern abhanden kommt. Nach Nazareth zurückgekehrt, bekräftigt der Evangelist: "Seine Mutter verwahrte alle diese Worte in ihrem Herzen" (Lk 2, 51). Und es geht da natürlich auch um Worte im buchstäblichen Sinn - um Worte, über welche kurz zuvor noch im Blick auf Maria und Joseph gesagt wird: "Sie aber verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen redete" (Lk 2, 50) ... Vielleicht verkniff sich Lukas auch deswegen jenen in der ersten Version zu lesenden Zusatz, Maria habe diese Worte nicht nur verwahrt, sondern in ihrem Herzen zusammengefügt, bewegt, symbállousa - wörtlich: zusammengeworfen. Womöglich wollte sich das Wort, "das er zu ihnen redete", noch nicht zusammenfügen lassen - wie auch andere später?
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So wird es viele Worte, viel Gehörtes, viele Zeichen gegeben haben, die Maria an der Seite des Kyrios zu dessen Tagen unter uns Menschen in ihrem Herzen verwahrte und zusammenzufügen suchte. Der Lebensweg ihres Sohnes war nicht darauf angelegt, dieses Unterfangen einfacher zu machen - ganz im Gegenteil: Als Hörende wird Maria die Diskrepanzen gespürt haben, die sich immer wieder zwischen Jesus und seinen Jüngern auftaten, die sich immer weiter - allem Hosanna zum Trotz, das so rasch zum Kreuzige! wurde - zwischen Jesus und dem Volk auftaten, die sich zuweilen auch zwischen Jesus und ihr auftaten ... für eine Mutter schmerzvoll Erfahrungen. Als er "zuletzt" die Gottesverlassenheit in das Nichts der Sünde schreit und stirbt, steht sie unter dem Kreuz. Was kann da für diese Frau in jenem Augenblick, da sie den Sohn endgültig zu verlieren scheint, "vollbracht" sein?
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Die "sieben" Schmerzen, dem heutigen Fest eingeprägt, sind nur Kulminationspunkte all jener Leiden, die Maria bis zum Ostermorgen zu bestehen, auszustehen hatte. Noch einmal wird sie die Rückkehr des verherrlichten Kyrios zum Vater von Christus trennen - und was immer an Worten in ihrem Herzen noch nicht zusammengeführt werden konnte, wird das Heilige Pneuma am Pfingsttag zusammenführen, bis der Sohn seine Mutter aufnimmt mit Seele und Leib in seine Herrlichkeit. Dort spreche sie für uns - um der Schmerzen ihres Sohnes, um ihrer eigenen Schmerzen und um unserer Schmerzen willen ... ora pro nobis!
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Quando corpus morietur,
fac, ut animæ donetur
paradisi gloria.
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Amen.
Alleluja.
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Die lateinischen Verse am Ende entstammen der Sequentia von der schmerzhaften Gottesmutter, dem Stabat Mater dolorosa. Das Bild oben zeigt ein Glasfenster im Freiburger Augustiner-Museum mit dem Bild Unserer Lieben Frau als Schmerzensmutter. Darunter eine Darstellung des Herzens Mariä, zu finden in der Mensa des der Mutter Gottes gewidmeten Altars in der Heilig-Kreuz-Kirche zu Offenburg.

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