Mittwoch, 17. September 2014

Vom biblischen Schwergewicht


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Daß dem Wort Gottes großes Gewicht zu eigen ist, merke ich nicht zuletzt, wenn ich mit einem der fünf großformatigen Bände hantiere, die mir die Heilige Schrift in deutscher Fassung gemäß der Vulgata bieten, also in Übersetzung des in der Ekklesia seit Jahrhunderten üblichen lateinischen Textes. Auf der Grundlage der Vulgata formulierte die Ekklesia verbindlich wesentliche Teile des Glaubens, aus ihr schöpften Heilige das Wort Gottes, bedeutende Theologen und große Mystiker hielten sie in der Hand, um darin der Sophia Gottes forschend und betend nachzuspüren. So ist sie das, was der knappe Name von ihr verrät: die Vulgata, die "im Volk verbreitete" lateinische Bibel.
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Kritische Geister werden jetzt einwenden, die Gestalt dieses Textes, der vor allem im Alten Testament auf der griechischen Fassung der Septuaginta und nicht auf hebräischen Urtexten beruhe, sei oft fraglich, so wie Übersetzungen von Übersetzungen eben zumeist Tücken aufweisen. Die Ekklesia wußte natürlich darum; zuweilen gab es Versuche, den lateinischen Text mehr an das Original zurück zu binden, und Anläufe, einen "besseren" Bibeltext zu etablieren. Doch die Macht des Gewohnten ist groß, und das Heilige Pneuma benötigte nicht zwingend einen von Menschenhand revidierten Schrifttext, um die Ekklesia in alle Wahrheit einzuführen (vgl. Joh 16, 13).
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Trotzdem schätze ich natürlich Übersetzungen, die auf den Urtexten beruhen. Für einen traditionsmunteren Katholiken ist es aber beinahe eine Ehrensache, die Vulgata in Griffnähe zu halten. Meine lateinischen Ausgaben sind zwar weitaus handlicher, aber die fünf deutschen Bände bestechen bereits durch ihr halbwegs ehrwürdiges Alter: Sie wurden 1884 bei Manz zu Regensburg verlegt (und außerdem liefern sie gleich eine deutsche Fassung). Von daher war ich bislang auch nicht auf die seit geraumer Zeit von der Piusbruderschaft beworbene (und in einem der Piusbruderschaft nahen Verlag neu aufgelegte), anverwandte Allioli-Bibel scharf; mir reicht in besagtem Fall diese Ausgabe.
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Verantwortlich dafür zeichneten Valentin Loch aus Bamberg und Wilhelm Reischl aus München, zwei angesehene Theologen ihrer Zeit, die sich um die erste Edition der Bibliothek der Kirchenväter verdient gemacht hatten.Die Bände sind sehr schön ausgestattet: der obere Teil jeder Seite bietet den Bibeltext, der untere einen teils sehr umfangreichen Kommentar mit Erläuterungen, von denen man mitunter auch heute noch profitieren kann - vor allem, wenn es um ein ordentlich katholisches Verständnis des Gotteswortes geht, aber auch bei Abweichungen von den jeweiligen Urtexten (wobei das zugrunde liegende Arbeitsmaterial natürlich den damaligen Forschungsstand spiegelt - aber, wie erwähnt, spielt das angesichts der Tradition kirchlicher Schriftdeutung eine untergeordnete Rolle). Reizvoll sind überdies die zahlreichen Illustrationen, die in den Text eingeschoben sind. Photos in Büchern waren in den 1880er-Jahren noch lange nicht an der Tagesordnung. In so manchem dieser Bild bricht sich der Anspruch einer an Bedeutung gewinnenden, genuin christlich-biblischen Archäologie bereits die Bahn, andere Hingucker gehören eher in den Bereich orientalischer Stimmungsbilder - stets ist aber abzuschauen, wie der eine oder andere Aspekt eines Bibelwortes anschaulich gemacht und damit recht praktisch sozusagen der "Sitz im Leben" bedeutet werden soll.
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Am Ende ... auch, weil ich dieses etwas altertümliche Deutsch mag, eine kleine Leseprobe - Psalm 150:
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Lobet den Herrn in seinem Heiligthume;
lobet ihn in der Veste seiner Macht!
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Lobet ihn ob seiner mächtigen Thaten;
lobet ihn nach der Fülle seiner Größe!
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Lobet ihn mit Hörnerschalle;
lobet ihn mit Saitenspiel und Cither!
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Lobet ihn mit Pauken und in Reigen;
lobet ihn mit Saiten und Schalmeien!
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Lobet ihn mit hellklingenden Cymbeln;
lobet ihn mit Cymbeln des Jubels!
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Jeder Odem lobe den Herren!
Alleluja!
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Die heiligen Schriften des alten und neuen Testamentes, nach der Vulgata mit steter Vergleichung des Grundtextes übersetzt und erläutert von Dr. Valentin Loch und Dr. Wilhelm Reischl. 5. Bände. Regensburg 1884 (erstmals 1854). Der Beitrag gehört in eine kleine Reihe mit Bibelausgaben, zu denen ich gerne und bevorzugt greife. Zwei Beiträge sind im Mai erschienen, hier und hier.

Kommentare:

Tarquinius hat gesagt…

Mal wieder sehr reizvolle Bücher und Bilder! Da werde bzw. bin ich ja glatt neidisch, da trotz leichtem Hang zur Bibliophilie meine Bibelsammlung nicht gerade biblisches Ausmaß erreicht.

Da meine Arbeitsbibel, die HSK, gerade so ihren Leim aufgibt...hast Du vielleicht zufällig noch eine Empfehlung für eine deutschsprachige oder bilinguale Gesamtbibel? Also eine, die man ohne größere Müh und Not erwerben kann, ohne durch die Altpapiertonnen der umliegenden Klöster zu tauchen oder ein Antiquariat reich zu machen... ;-)

Windlicht hat gesagt…

Ästhetisch sehr ansprechend, sowohl außen wie innen. Wirkt fest und solide. Benutzt im Wechsel, z. B. mit Ihrer Ausgabe der Übersetzung des Suchers Fridolin Stier - ergibt ein wunderbares Gleichgewicht! :-)

Andreas hat gesagt…

Nun ja, Hw. Windlicht, nach 130 Jahren (die runde Zahl fällt mir jetzt erst auf ... was alles ist in diesen 130 Jahren geschehen!) sind zumindest die Buchrücken "empfindsam" geworden, Bindung und Papier sind aber stabil geblieben. Im Keller habe ich noch den Wetzer und Welte, mancher Band davon freilich vor der Selbstauflösung ...
Und Stier ... ja, immer wieder wert und wertvoll, daß man einen Blick darein werfe.

Die HSK, löblicher Tarquinius, habe ich zweimal in gleicher, angenehmer Ausgabe, einmal auf dem Nachttisch und dann hier am Rechner in Griffnähe. Eine davon könnte ich Dir bei Interesse überlassen. Eine Dublette der Herder-Übersetzung (Deissler, Vögtle und der später klagenswerter Weise den Dominikanern entlaufene Diego) könnte ich zudem beilegen, freilich auf seltsam billigem Papier gedruckt.

Andreas hat gesagt…

Nun ja, Hw. Windlicht, nach 130 Jahren (die runde Zahl fällt mir jetzt erst auf ... was alles ist in diesen 130 Jahren geschehen!) sind zumindest die Buchrücken "empfindsam" geworden, Bindung und Papier sind aber stabil geblieben. Im Keller habe ich noch den Wetzer und Welte, mancher Band davon freilich vor der Selbstauflösung ...
Und Stier ... ja, immer wieder wert und wertvoll, daß man einen Blick darein werfe.

Die HSK, löblicher Tarquinius, habe ich zweimal in gleicher, angenehmer Ausgabe, einmal auf dem Nachttisch und dann hier am Rechner in Griffnähe. Eine davon könnte ich Dir bei Interesse überlassen. Eine Dublette der Herder-Übersetzung (Deissler, Vögtle und der später klagenswerter Weise den Dominikanern entlaufene Diego) könnte ich zudem beilegen, freilich auf seltsam billigem Papier gedruckt.

Tarquinius hat gesagt…

Dieses über die Maßen freundliche Angebot, geschätzter Andreas, kann ich nun kaum ablehnen - es sei denn, ich tue Dir damit einen all zu großen Schaden. Denn die HSK kann man ja doch für nicht zu viel Geld erwerben. Eine Herder habe ich mir gerade selbst geordert, dennoch danke ich ganz herzlich...den Rest könnten wir ja per Mail klären, derweil ich überlege, wie ich es abseits des Gebetes vergelten könnte...

Eugenie Roth hat gesagt…

Die fünfbändige Bibel gibt's als kostenlosen Download!
Namen in Google eingeben und nur KURZ suchen. Voilà!
Danke für den Tip!

Andreas hat gesagt…

Vergelt's Gott für den Hinweis!