Dienstag, 23. September 2014

Seite eins (3)

Die Öffnung des Herzens
Der Mensch tut sehr viele Dinge, die sehr verschieden sind. Es ist ihm nicht gegeben, immer nur eines zu tun, obwohl er eine geheime, vielleicht nur uneingestandene und nur halbbewußte Sehnsucht in sich trägt, ein einziges, und dies immer, zu tun, etwas, das alles in einem und der Mühe, der letzten Kraft und Liebe des Herzens wert ist. Der Mensch muß vieles tun. Aber nicht alles, was er tut, ist von gleichem Rang und gleicher Würde. Es kann etwas "wichtig" sein, weil es unvermeidlich ist. Und das wirklich Wichtige und Notwendige kann sehr leicht vermieden und vergessen werden. Was alle tun und keiner lassen kann, muß doch nicht unbedingt das Höchste sein. Wenn der Mensch bei Gott ist in Ehrfurcht und Liebe, dann betet er. Dann vollbringt er zwar nicht alles in einem, weil ihm, dem Endlichen, dies nie in diesem Leben möglich ist. Aber er ist wenigstens bei dem, der alles in einem ist, und er tut darum etwas vom Wichtigsten und Notwendigsten. Etwas, das nicht alle tun. Denn gerade weil es zum Notwendigsten gehört, ist es auch das Freieste, das Vermeidbarste, dasjenige, das nur ist, wenn wir es in immer neuer Liebe frei tun, und sonst nicht. Darum aber geschieht es selten. Es ist dem Menschen schwer. Er muß darum sich immer wieder besinnen, was eigentlich Gebet sei, und er darf nicht warten, bis es von selbst geschieht. Eine Besinnung auf das Wesen und die Würde des Gebetes kann zum Antrieb werden, wenigstens das eine Gott zu sagen: Herr, lehre uns beten!
Karl Rahner SJ: Von der Not und dem Segen des Gebetes. Freiburg (7) 1965.

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