Donnerstag, 4. September 2014

Moses und die Decke

Moses - St. Alexius, Herbolzheim
Die Ekklesia gedenkt heute eines Mannes, welchen der hl. Jakob von Sarug, ein syrischer Kirchenvater im Ausgang des 5. Jahrhunderts, den "Urquell allen Prophetentums" genannt hat: Moses, der das Volk Israel aus der Knechtschaft Ägyptens führte. Gerade am vergangenen Sonntag, dem 12. nach Pfingsten, begegnete er uns wieder in der Lesung. Ausgehend von der Religion des Alten Bundes schreibt der hl. Paulus:
Denn der Buchstabe tötet, das Pneuma aber wirkt Leben. Wenn sich aber der Dienst des Todes, eingegraben in Buchstaben auf Stein, in Herrlichkeit vollzog, so daß die Israeliten nicht auf das Antlitz des Moses schauen konnten wegen der Herrlichkeit seines Antlitzes, die doch vorübergehen sollte, wieviel mehr wird dann der Dienst des Pneumas in Herrlichkeit geschehen? (2 Kor 3, 6-8).
Der Apostel spielt hier auf einen Bericht aus dem Buch Exodus an:
Als hierauf Moses herabstieg vom Berge Sinai, hielt er die zwei Tafeln des Zeugnisses, und er wußte nicht, daß sein Antlitz strahle ob der Unterredung mit dem Herrn. Als aber Aaron und die Söhne Israels das Antlitz des Moses strahlen sahen, fürchteten sie näher zu treten. Und er rief ihnen, und es kamen sowohl Aaron als auch die Häupter der Synagoge. Und nachdem er zu diesen geredet hatte, kamen auch zu ihm alle Söhne Israels, denen er alles gebot, was er gehört hatte vom Herrn auf dem Berge Sinai. Nachdem er nun die Reden geendet hatte, legte er eine Hülle über sein Antlitz. Diese nahm er, solange er zum Herrn trat und mit ihm sprach, herab, bis er hinaus ging, und dann den Söhnen Israels alles mitteilte, was ihm aufgetragen war. Da sahen sie, wie das Antlitz des Moses beim Herauskommen strahlte, aber er verhüllte wieder sein Antlitz, wenn er zu ihnen sprach (Ex 34, 29-35 Vulg.).
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An den großen Kirchen des Mittelalters finden sich zuweilen Bildwerke der Ekklesia und der Synagoge gegenüber gestellt - die eine im Schmuck einer Königin den Kyrios Christus schauend, die andere in ärmerem Gewand und mit verbundenen Augen. Diese Augenbinde gilt gemeinhin als Zeichen, daß Israel den Erlöser bislang nicht (an-) erkannt habe - den geradezu plastischen Vorwurf bringen entsprechende Deutung alsdann zur Sprache (er manifestiert sich bei einigen dieser Darstellungen durchaus in weiteren, wenig schmeichelhaften Beigaben). 
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Vor einiger Zeit geriet mir aber auch die Interpretation unter die Finger, die Augenbinde gemahne vor allem an die Herrlichkeit auf dem Antlitz des Moses, wie sie im Buch Exodus geschildert ist und welche die Söhne Israels nicht ertragen konnten - was besagte verbundene Augen abbilden sollten (die Nuance scheint mir hier doch ein wenig anders gesetzt); denn im Angesicht des Moses erstrahlte die Herrlichkeit Gottes, der sich Moses im Vorübergang gezeigt hatte (vgl. Ex 34, 6-9) - wobei selbst Moses den Herrn nicht ganz schauen konnte: 
Darauf bat er: "Zeige mir doch deine Herrlichkeit!". Der Herr entgegnete: "Ich will all meinen Reichtum an dir vorbei ziehen lassen und den Namen des Herrn vor dir ausrufen (...) Doch mein Angesicht kannst du nicht schauen; denn kein Mensch kann mich schauen und am Leben bleiben!" (Ex 33, 18-20).
Die Frage, welche Deutung des mittelalterlichen Bildes der Synagoge eher zutreffe, verflüchtigt sich freilich weitestgehend, wenn man dem eingangs erwähnten Jakob von Sarug und dessen Gedicht über die Decke vor dem Antlitz des Moses folgt, also über jene Hülle, von der oben bereits die Rede war. Im Blick auf die Propheten des Alten Bundes heißt es in Jakobs Dichtung (40 f.), Gottes "Sohn wurde unterdessen" durch sie ...
... verkündigt, welche in Rätseln und Gleichnissen über ihn redeten. Verhüllt und andeutungsweise taten die vom Geiste getriebenen Propheten den verborgenen Sohn der ganzen Welt kund. Jene Decke über dem Angesichte Moses war auch über ihre Worte ausgebreitet, wenn sie von dem Eingeborenen redeten.
Der Glanz Moses war Christus, welcher in ihm strahlte.
Kurz darauf findet man in diesem Gedicht ein schönes Zeugnis für ein Thema, welches ich hier bereits öfter angesprochen habe, daß nämlich die Heilige Schrift des Alten Bundes uns reich von Christus erzählt:
Sehet, der ganze Alte Bund ist verhüllt gleich Moses, in welchem alle Bücher der Weissagung dargestellt sind. 
Sehet, innerhalb jenes Vorhanges, welcher über die Bücher ausgebreitet ist, thront Christus in seiner Herrlichkeit als der erhabene Richter. Alle Propheten verhüllten die Kunde von ihm in ihren Büchern, damit nicht vor den Außenstehenden deutlich von ihm geredet werde. (...) Diese Decke ruft laut und deutlich der ganzen Welt zu, daß die Worte der hl. Schrift verhüllt sind. (...) Jene Decke ist erst durch unseren Herrn abgehoben worden, welcher der ganzen Welt alle Geheimnisse gedeutet hat. Der Sohn Gottes ist gekommen und hat das Antlitz Moses enthüllt ... nun sind die Geheimnisse, Gleichnisse und Rätsel gedeutet. Hinweg genommen ist die über die Bücher gelegte Decke und offen schaut die Welt den Sohn Gottes (50 ff.). 
Die Zitate aus dem Gedicht über die Decke vor dem Antlitz des Moses sind entnommen dem Band Ausgewählte Schriften syrischer Dichter. Aus dem Syrischen übersetzt von Simon Landersdorfer (Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, 6. Band). Kempten / München 1912 (online hier). Das obere Bild zeigt Moses, wie er vor dem brennenden Dornbusch die Riemen seiner Schuhe löst - Kartusche in der Pfarrkirche St. Alexius zu Herbolzheim in Baden. Die Darstellung der Synagoge ist ein Auschnitt aus dem Kanonbild eines Missale Romanum in der Ausgabe von Pustet aus dem Jahr 1899.

Kommentare:

aloysius hat gesagt…

Simon Landersdorfer!
Dieser wurde später Bischof in Passau: Simon Konrad Landersdorfer OSB

Andreas hat gesagt…

Hat er sich aber auch verdient ... ;-)