Montag, 22. September 2014

Mehr als nur Fähnchen

St. Mauritius - Kirche St. Mauritius, Oberbergen / Kaiserstuhl
Daß einige Heilige en gros ihr leiblich' Lohn und Brot als Soldaten verdienten und vielleicht gerade mit und in diesem Beruf auch geistlichen Gewinn davontrugen, ist ein Gedanke, auf den sich viele nicht ganz unvoreingenommen einlassen mögen. Das Schwert im (An-) Griff, während das Schild die Hiebe des Gegners pariert, bis dieser fällt ... seien wir ehrlich: Heilige stellen wir uns irgendwie anders vor, friedfertiger, pazifistischer, weichgespült. Daß der hl. Mauritius, dessen die Ekklesia heute gedenkt, en détail jener Thebaischen Legion zugezählt wird, die irgendwo im Dunkel spätantiker Geschichte operierte, ist da hilfreich:
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Alles so schön weit weg, längst verblasst die Tinte der Überlieferung, von fern nur klingt die Legende noch herüber. Nehmen wir alsdann das eine oder andere Bildwerk hinzu, wie es sich gelegentlich in Kirchen findet, dann löst sich ohnehin (fast) alles in Wohlgefallen auf, fällt der Blick auf jenen hübschen Heiligen. In Paraderüstung. Mit Fähnchen.
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Derweil wir uns daran ergötzen, erinnert uns der IS daran, daß ein radikaler Pazifismus langfristig einen höheren Blutzoll fordern kann als der Griff zur Waffe, um diesen Moslems wirkungsvoll zu begegnen. Schärfen wir das Bild noch ein wenig: Da nimmt zum Beispiel bei irgendeinem Auslandseinsatz ein Bundeswehrsoldat heute an einer Feldmesse teil und steht morgen im Gefecht dem Gegner gegenüber, den Finger am Abzug und im vollen Wissen, daß einer von beiden auf der Strecke bleiben wird. So viel anders wird es Mauritius oder Cassius oder Florentius oder all den anderen heiligen Martyrern aus christlicher Frühzeit, die als Christen das Kriegshandwerk übten, kaum ergangen sein. Wir hören den Widerspruch aus diesen Vorstellungen heraus; lösen kann ihn niemand. Kriege sind nur schwer in Beichtspiegel und moraltheologische Traktate zu pressen, und selbst, wo das halbwegs gelingt, bleiben immer viele Fragezeichen zurück.
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Womöglich gehört es zum Geheimnis der Erlösung, daß unsere Welt auch diese Abgründe durchschreiten muß bis zum Ende. In dem vor wenigen Tagen vorgestellten Betrachtungen Reinhold Schneiders (der durch den Zweiten Weltkrieg übrigens zu einem radikalen Pazifisten geworden ist) findet sich eine Passage, die ich hier nochmals wiederholen möchte; sie löst das Problem nicht, aber sie weist eine Richtung, über die man sprechen kann. Ausgehend von den Schlachten und Belagerungen rund um den Freiburger Lorettoberg mit seiner Kapelle schreibt Schneider:
Aber das Kreuz reicht über alle Not hinweg und verbindet mit ihr (...) und unsichtbar, aber ungleich mächtiger wogt der Segen des heiligen Raumes hinaus in die Welt und durchströmt und verwandelt sie. Und so wird der Berg geheiligt, der vielleicht ein großes, von Blüten überdecktes Grab ist, und die Geschichte scheint nahe an ihrem Ziele zu sein. Denn welchen Inhalt hätte sie, wenn nicht die Heimkehr der Welt? 
Die Welt soll unseres Herrn werden, und er wird sie heimbringen zum Vater; und alles, was geschieht, ereignet sich in der Richtung auf seine sichtbare Wiederkehr, in seiner unsichtbaren Gegenwart. 
Der Ruf des ehrgeizigen jungen Feldherrn, der immer noch tausend den Hang hinaufführte, die männliche Festigkeit des Verteidigers und all die Mühsal derer, denen sie geboten, sie haben einen, wenn auch noch so verschiedenartigen Anteil an der Erhöhung des Herrn über alles Geschehen, an der letzten Wandlung der Welt zu ihm.
Mit seiner Fürsprache helfe uns der heilige Mauritius, daß wir im Kampf uns selbst und diese Welt wandeln können hin zu Christus, dem erhöhten Kyrios ... ora pro nobis!
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¶ Schneiders Betrachtung ist hier vollständig zu finden. Das Bild zeigt eine Darstellung des hl. Mauritius in der Pfarrkirche St. Mauritius zu Oberbergen im Kaiserstuhl.

Kommentare:

Elsa hat gesagt…

Weißt Du eigentlich mehr über den Hl Mauritius? Also mir ist es völlig eingängig, dass gerade römische Soldaten zum Beispiel auch Missionare gewesen sind, die kamen ja überall hin... Meistens wird aber agumentiert, dass sie sich ja vom Soldatenberuf abgekehrt hätten nach ihrer Bekehrung, Beispiel Sankt Martin.
(Du weißt ja, das Thema ist für mich ein stets interessantes, eben weil es ein Spannungsfeld ist, das so existentiell ist, dass es eigentlich schon wieder poetisch ist)

Andreas hat gesagt…

Näheres weiß ich leider nicht zu sagen; die Person liegt - wie die ganze Legion - im Ungenauen. Ich gehe da immer von einem konkreten Fall, einer Person und von dazugehörigen historischen Ereignissen aus, die sich dann etwa legendarisch verdichtet haben und überliefert wurden.

Was nun den Kriegsdienst angeht: Ich glaube schon, daß Christen auch damals im Heeresdienst standen. Für den Mithraskult, der Parallelen zum Christumtum aufweist, ist gut belegt, daß diese Religion bei Legionären recht beliebt war (allerdings war dieser Kult auch etwas "martialischer"). Der hl. Martin habe diesen Beruf in der Tat an den Nagel gehängt, so wird überliefert. Allerdings traten die meisten Legionäre ja ohnehin irgendwann (und wohl nicht erst in fortgeschrittenem Alter) aus diesem "Knochenjob" aus und erhielten eine (meist zu bewirtschaftende) "Altersvorsorge" (also etwa ein Stück Land).

Ich denke auch nicht, daß die heranwachsende Ekklesia ihren soldatischen Mitgliedern deren Profession grundsätzlich auszureden versuchte - denn im römischen Heer konnten diese Soldaten ja den Glauben hineintragen.

Tarquinius hat gesagt…

Es fällt natürlich dennoch auf, dass die Legionäre eher "trotz" ihres Berufes Heilige wurden, nämlich durch ihr Blutzeugnis, oder sie verließen eben den Dienst.
Man muss schon einige Jahrhunderte weiterschauen, bis man nach der cluniazensischen Schaffung des abendländisches Rittertums den ersten Soldatenheiligen findet, der auch in der Vollbringung seines Handwerkes den ewigen Lohn empfing: der hl. Erlembald von Mailand.