Samstag, 20. September 2014

"Lorettoberg" - von Reinhold Schneider

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Beim Lesen von Reinholds Schneiders Lorettoberg-Betrachtung kam mir in den Sinn, die Schilderungen und Eindrücke, mithin die Gedankenwelt dieser Zeilen im Maß meiner Möglichkeit abzuschreiten und den Versuch anzustellen, den genius loci im Spiegel einiger Bilder einzufangen ... diese Bilder sind bei einem Spaziergang entstanden, der mich gestern vom verschlossenen Anwesen Schneiders zur Loretto-Kapelle hinaufführte.
Wenn der Mond über den alten Bäumen hervortritt, so steigen die Leuchtkäfer aus dem hohen Grase auf und schwärmen gegen das Haus. Sie umkreisen den Birnbaum, der sich gegen das Haus neigt, schweben an den Mauern empor und nähern sich den geöffneten Fenstern; das Haus ist still, alle Bewohner haben es verlassen, und lange schon betrat kein Fuß mehr die verschlungenen Wege des kleinen Gartens, der sich von der Straße her den Berg hinaufzieht. Im Mondlicht glänzen die Blätter der beiden Edelkastanien, die wie Brüder sind und sich zu einer stillen, schönen Form zusammenschließen; schon ist der Jasmin am Wege verblüht, und die letzten Rosen streuen ihre Blätter rasch in das Gras. 
... und lange schon betrat kein Fuß mehr die verschlungenen Wege des kleinen Gartens ...
Der Brunnen fließt leise fort; er ist zu einsam, als daß er noch auf einen Wanderer hoffen könnte ...
Der Brunnen draußen fließt leise fort; er ist zu einsam, als daß er noch auf einen Wanderer hoffen könnte; auch die Nächte werden schwül, und wieder nähert sich die Hochsommerzeit, da vor bald dreihundert Jahren die Schlacht auf dem Berge geschah. Damals hatten sich die Verteidiger auf der steilen Höhe über dem Garten verschanzt, und die Angreifer stürmten drei Tage lang gegen die Hänge; es ist sehr viel Blut auf diesem Boden geflossen; große Namen leuchteten auf, aber es widerstrebt uns, sie zu nennen; mag von denen, die Kränze zu vergeben haben, der Ruhm der Tapferen und Kühnen gepriesen werden; mögen diejenigen, die für die rechte Sache kämpften, gleichgültig ob sie siegten oder unterlagen, in Frieden ruhen, und mag allen, die an jenen heißen Tagen gelitten, gekämpft, sich verblutet haben, ihr Leiden vergolten werden in der andern Welt.
... es ist sehr viel Blut auf diesem Boden geflossen ...
... Könige und Feldherren sahen von seiner Höhe auf das Gebirge und die Stadt zu seinen Füßen ...
Wer mag sich vermessen, zu sagen, was damals wirklich geschah und welchen Ort die Schlacht auf dem Berge einnimmt in Gottes unsichtbarem Plan? Der Berg wurde wieder und wieder umkämpft, Könige und Feldherren sahen von seiner Höhe auf das Gebirge und die Stadt zu seinen Füßen und über das weite Stromtal, aus dem diesseits und jenseits die kühnen, feierlichen Höhenzüge grüßen; immer wieder sind bange, furchtbare Tage gekommen, aber dies alles war, und der Friede ist, und sooft er auch vertrieben werden wird, sooft wird er wiederkehren, und am Ende sind der friedlichen Tage doch viel mehr gewesen als der stürmischen; und da nichts geschieht ohne Gottes Willen, so ist es auch sein Wille, daß hier Friede ist und das Land ruht im ungetrübten Licht der Gestirne.
 ... aber dies alles war, und der Friede ist, und sooft er auch vertrieben werden wird ...
... oben, über einer kleinen Treppe, steht ein Kreuz vor der Kapelle ...
Der Morgen wirft einen roten Schimmer über das Haus und tief in die Zimmer hinein, und in wunderbarer Wärme fließt das Licht an den Stämmen der Kastanienbäume nieder und über den steinernen Tisch, der zwischen ihnen steht und an dem in vielen Jahren wohl niemand mehr gesessen ist. Langsam breiten die mächtigen Zedern und Lebensbäume ihre Schatten über den steilen, zur Kapelle führenden Weg; oben, über einer kleinen Treppe, steht ein Kreuz vor der Kapelle, beschützt von zwei Goldregenbüschen und von mächtigen Linden; das Haupt des Herrn ist tief geneigt. Er hat alles vollbracht. Vielleicht sind die Verschanzungen noch sichtbar unter dem Rasenfleck, den nun ein Kreuzweg umfriedet; die Stadt grüßt hinauf zwischen ihren weinbekränzten Bergen, und der Turm des Münsters verschwimmt im Sommerdunst; die Segensfülle der Sommerblüten und Früchte ergießt sich den Hang hinab; und es braust und rauscht in den blühenden Linden. Der Herr ist unsagbar müde von seinem Werk; aber die Welt ist erlöst, und die Verheißung einer höheren Schönheit, als sie am Schöpfungsmorgen besessen, liegt auf ihr.
 ... das Haupt des Herrn ist tief geneigt. Er hat alles vollbracht. 
... über der Tür zur Kapelle ist eine kleine eiserne Kanonenkugel eingemauert ...
Aber die Toten? Schräg über der Tür zur Kapelle ist eine kleine eiserne Kanonenkugel eingemauert, die eine Jahreszahl trägt; hundert Jahre nach der großen Schlacht wurde wieder eine geschlagen, und wer mag sagen, wie oft sich der Hall der Geschütze an den Bergen brach und sie in der Ebene die Feuer aufflammen und wieder erlöschen sahen! Das Geschehen vergangener Zeiten erreichen wir nicht mehr; die Toten erreichen wir noch. Wenn wir in die Kapelle eintreten, so bitten sie mit uns, und schon auf dem Weg herauf haben sie uns vielleicht angerufen und erinnert, und wir haben sie nicht gehört. So viele Schicksale fanden hier ihr Ende, und wir ahnen nicht, wie das Ende dieser Schicksale wieder andere bewegte hinter den Bergen diesseits und jenseits des Stroms und wieviel Seelennot ihren Anfang nahm auf dem Schlachtberg.
Aber die Toten? ... Wenn wir in die Kapelle eintreten, so bitten sie mit uns, und ...
... das Kreuz reicht über alle Not hinweg und verbindet mit ihr ...
Aber das Kreuz reicht über alle Not hinweg und verbindet mit ihr; die Linde schickt ihren Duft in den engen, stillen Raum, die Knienden vermögen sogar die Stadt und den Turm zu sehen, und das Lied der Vögel tönt herein mit dem Summen der Bienenvölker, und unsichtbar, aber ungleich mächtiger wogt der Segen des heiligen Raumes hinaus in die Welt und durchströmt und verwandelt sie. Und so wird der Berg geheiligt, der vielleicht ein großes, von Blüten überdecktes Grab ist, und die Geschichte scheint nahe an ihrem Ziele zu sein. Denn welchen Inhalt hätte sie, wenn nicht die Heimkehr der Welt? Die Welt soll unseres Herrn werden, und er wird sie heimbringen zum Vater; und alles, was geschieht, ereignet sich in der Richtung auf seine sichtbare Wiederkehr, in seiner unsichtbaren Gegenwart. Der Ruf des ehrgeizigen jungen Feldherrn, der immer noch tausend den Hang hinaufführte, die männliche Festigkeit des Verteidigers und all die Mühsal derer, denen sie geboten, sie haben einen, wenn auch noch so verschiedenartigen Anteil an der Erhöhung des Herrn über alles Geschehen, an der letzten Wandlung der Welt zu ihm.
Die Welt soll unseres Herrn werden, und er wird sie heimbringen zum Vater ...
... das Kreuz steht hoch über der Welt, dem einen Schlachtfeld der Geschichte ...
Und wie es an diesen Friedenstagen ist, deren Ende so rasch kommen kann, so wird es am Ende aller Tage sein: das Kreuz steht hoch über der Welt, dem einen Schlachtfeld der Geschichte, die Toten sind unter ihm versammelt, und das Licht unsäglicher Schönheit kühlt die Berge und Täler, auf denen so lange die Schwüle lag. Dann werden Kreuze auf allen Gipfeln erscheinen und einander grüßen, und es wird sich zeigen, daß im Gange der Zeit der Herr seine Siegeszeichen aufgepflanzt hat auf allen Bergen menschlichen Leids. So ist der Schlachtberg verklärt, aber noch ist nicht der letzte Tag seiner Verklärung angebrochen. Denn während auf dem Lande hier der Schrecken lag, war vollkommener Friede an einer andern Stelle der Welt, und während in der Ferne das Furchtbarste geschieht, ist es hier still. Und was könnten wir Besseres tun in dieser Stille, als des Schreckens zu gedenken, der kommt und geht, da ist und schwindet? Die letzte Antwort auf die Geschichte ist das Gebet.
Die letzte Antwort auf die Geschichte ist das Gebet.
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Wenn es Nacht wird, rauscht der Bach freier auf der anderen Seite des Hauses ...
Wenn es Nacht wird, rauscht der Bach freier auf der anderen Seite des Hauses, die Lilien duften aus den Gärten herüber, es ist still geworden in den Linden, und eine große Last fällt von der Seele ab. Wieder hebt im Garten das geheimnisvolle Leben an. Die Leuchtkäfer entsteigen dem Farn und dem hohen Grase; es ist, als ob ihnen der Flug noch schwerfiele; sie streichen über den Halmen und den Wegen hin wie Seelen, die sich nicht lösen können von der Erde. Sind es die Toten der großen Schlacht? Und wie das Mondlicht wieder heraufkommt, werden sie freier, sie ziehen schräge Bahnen durch die Äste des Birnbaums und überkreuzen sich im Fluge; wieder schweben sie den offenen Fenstern zu, als wollten sie in das Haus und in das ferne Leben zurück. Oder geht der Bereich des Lebens nun über in den ihren, gehört ihnen nicht alles, der Garten und das Haus, das Hausgerät und die Bücher? Immer leichter wird ihr Flug; sie steigen zum Dachfirst empor und gleiten durch die Baumkronen, dann sinken sie wieder; steigend und fallend feiern sie ihre Stunde.
... wie Seelen, die sich nicht lösen können von der Erde.
Es ist immer die eine Zeit zwischen dem ersten und dem letzten Tag ...
Aber diese Stunde währt immer, und nur in den wenigen hellen Nächten des Hochsommers werden wir ihrer gewahr; dann erkennen wir, daß wir zu Gast bei den Toten sind. Es ist immer die eine Zeit zwischen dem ersten und dem letzten Tag, kein Geschlecht hatte eine geringere Last auf den Schultern, und es wird nirgendwo Heimat sein, wo wir arbeiten und ruhen, beten und schauen können, wenn nicht hier, auf dem stillen Schlachtfeld der Geschichte. 1943/1944
... wenn nicht hier, auf dem stillen Schlachtfeld der Geschichte.
Reinhold Schneider: Schicksal und Landschaft. Herausgegeben von Curt Winterhalter. Freiburg 1960. S. 383-386.

Kommentare:

Tarquinius hat gesagt…

Vielen Dank für die schöne Zusammenstellung!

sophophilo hat gesagt…

Schön!