Sonntag, 7. September 2014

Glaube am Nullpunkt

Kirche im Sturm - Lenzkirch, Pfarrkirche, Altar des hl. Joseph (Detail)
Wie ein Brandbrief klingen heute, am 13. Sonntag nach Pfingsten, die Leitverse aus dem 73. Psalm im Introitus:
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Respice, Domine, in testamentum tuum,
et animas pauperum tuorum ne derelinquas in finem;

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exsurge, Domine,
et iudica causam tuam,
et ne obliviscaris voces qu
ærentium te.
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Schau hin, 
Herr, 
auf deinen Bund,
und verlasse nicht 
aufs Äußerste das Leben der Armen!
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Erhebe dich,
Herr,
führe deinen Streit
und vergiss nicht jene,
die dich rufen!
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Die hier betende Ekklesia weiß, daß sie in diesem Aion als streitende immer wieder angefochten, bedroht und verfolgt wird. Nicht zuletzt im Blick auf die Christen im Irak und in Syrien wirkt die sich anschließende Psalmodie - so erlebt der Psalmist seine Zeit - erschütternd:
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Ut quid, Deus, repulisti in finem:
iratus est furor tuus super oves pascuæ tuæ?

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Warum, Herr, stößt du uns ganz von dir,
rollt deine Zorn über die Schafe deiner Weide?
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Der Psalm entstand wahrscheinlich nach der Zerstörung Jerusalems und des salomonischen Tempels durch die Babylonier (587 AC), die das Volk Israel verschleppten. Über 50 Jahre war der Tempelberg verwaist, zeugte nur Schutt vom Heiligtum, schwiegen die Opfer, stand still das religiöse Herz Israels. Erst nach der Rückkehr aus dem Exil wurde 538 AC zuerst der Brandopferaltar wieder errichtet, bevor zwischen 520 bis 515 der zweite Tempel von den Rückkehrern erbaut werden konnte. 
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Zur Zeit dieses Psalm scheint dies aber noch undenkbar: "Kein Prophet ist da und keiner ist unter uns, der wüßte, wie lang es dauert" (73, 9) - es fehlt jede Perspektive. Das ist nicht alles - denn die Verheerung liegt schon so weit zurück, daß der Psalmist von "den ewigen Trümmern" (73, 3) spricht. Was sagt uns das? Der Beter lebt bereits zu lange in einer bedrückenden Situation ohne Aussicht auf Besserung: Das ist Glaube am Nullpunkt, ist Vertrauen auf jenem Grat, wo man es entweder über Bord wirft oder sich trotzdem hinein gibt, ist Hoffnung gegen alle Hoffnung.
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Die Bilder und Nachrichten aus dem Mittleren Osten (und auch aus anderen Regionen) von der Verfolgung unserer Brüder und Schwestern im Glauben sind bereits für uns, die wir nicht unmittelbar betroffen sind, eine Herausforderung jenes Glaubens. Wie herausfordernd muß das Erlittene und das Drohende, das Ungewisse, dieses Gestern und Heute und Morgen voller Angst: wie herausfordernd muß das erst recht für die Verfolgten sein, die Gewalt und Hass an Leib und Leben erfahren, die ihre Toten beklagen, ihre Häuser verlassen, die ihre Kirchen geschändet sehen mit der IS-Fahne statt des Kreuzes - oder brennend ...
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Wild brüllten deine Widersacher an der Stätte deiner Sammlung,
pflanzten als Banner ihre Feldzeichen auf!
Als schwänge man im Waldesdickicht die Axt,
zerschlugen sie mit Beil und Hammer die Tore allzumal.
Sie legten Feuer an dein Heiligtum,
bis auf den Grund entweihten sie 
die Wohnstatt deines Namens (73, 4-7).
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Bitten wir um Stärke im Glauben für alle Verfolgten und für uns selbst:
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Du, Herr, bist mein König von alters her,
der rettende Taten auf Erden vollbringt.
Gib das Leben deiner Bekenner nicht dem Verderben preis ...
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Schau hin, 
Herr, 
auf deinen Bund,
und verlasse nicht 
aufs Äußerste das Leben der Armen!
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Erhebe dich,
Herr,
führe deinen Streit
und vergiss nicht jene,
die dich rufen!
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Bild: Das Schiff der Kirche im Sturm - Detail im Schrein eines Joseph-Altars in der Pfarrkirche St. Nikolaus zu Lenzkirch im Schwarzwald.

Kommentare:

Tarquinius hat gesagt…

Die Rezitation der Psalme lässt mich auch immer unweigerlich an die Bekenner und Martyrer im Mittleren Osten und anderswo denken...vielen Dank für diesen Beitrag.

Und bitten wir vielleicht auch für die Verfolger der Ekklesia...

Andreas hat gesagt…

Letzteres ist - auf der emotionalen Ebene - alles andere als einfach; am ehesten noch im Blick auf eine Bekehrung, aufdaß diese Barbaren von ihrem Tun lassen.


Tarquinius hat gesagt…

Ich tue mich da natürlich selbst schwer, und ehrlich gesagt kam mir schändlicherweise beim Lesen Deines Beitrages überhaupt das erste Mal der Gedanke....wir dürfen uns nicht so sehr von der Barbarei anstecken lassen, dass wir selbst zu Barbaren werden. Für ihre eigenen beten die Dschihadisten sicherlich auch - vielleicht kann dies einmal tatsächlich Anlass zur Bekehrung geben, ich denke, in der Vergangenheit war es das...