Donnerstag, 18. September 2014

Ein bedrohtes Kulturdenkmal - Reinhold Schneiders letzte Wohnstatt

Meldet sich die Freiburger Kulturszene zu Wort, dann schaue ich zwischenzeitlich eher zweimal hin, ehe ich deren Meinung teile. Aktuell sehe ich mich - wie bereits beim Protest gegen die "Fusion" der SWR Symphonieorchester, was für das Hiesige die faktische Abwicklung bedeutet, nur damit genug Geld für die zwischenzeitlich gängige hirnlose Scheiße (sorry, aber ist doch so!) in der Kasse ist, um diese tumbe Grütze per Glotze und Röhre zu versenden ... (und macht man auf "Anspruch", dann krepiert sowas wie jüngst dieser reizvolle Kirchenfinanzreport aus allen Rohren) ... aber, denn es geht hier beleibe nicht um den SWR, zurück zum eigentlichen Thema: Derzeit also sehe ich mich ganz auf der Seite von Freiburgs Kulturelite: "Wir bezweifeln den Umgang der Stadt mit ihrem eigenen kulturellen Erbe" war wohl gestern in der Badischen Zeitung zu lesen - eine halbseitige Anzeige, dieses Anwesens wegen:
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In diesem Haus - am Fuß des Lorettoberges in der Mercystraße 2 - wohnte und arbeitete der katholische Dichter und Schriftsteller Reinhold Schneider von 1938 bis zu seinem Tod 1958; mithin mehr als ein gutes Drittel seines Lebens, unterbrochen nur von jenen Zeitläufen, in denen sich Schneider eine Weile vor dem Zugriff durch die GeStaPo verborgen halten musste. Es handelt sich um eine großzügige Anlage samt ansehnlichem Garten in einem Winkel des kleinen Berges, der hier unmittelbar zur Stadt hin sanft ausläuft: ein schönes ensemble. Das Haus steht seit einigen Jahren unter Denkmalschutz; eine Tafel, in die Mauer zur Straße hin eingelassen, erinnert des bedeutenden Bewohners ...
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Aktuell befindet sich all das im Besitz eines Bauträgers, der auf dem weiten Gartenareal zwei Neubauten mit Eigentumswohungen und direkt an die Villa ein Einfamilienhaus bauen will; aus wirtschaftlicher Sicht kann man das durchaus verstehen. In der Anzeige - neben viel lokaler Prominenz auch von namhafteren Kulturbeflissenen gezeichnet - wird die Stadt Freiburg aufgefordert, sich der Sache anzunehmen. Ideen stehen im Raum: Man solle das Anwesen erwerben und einer kulturellen Nutzung zuführen, etwa als Literaturarchiv oder Geschichtswerkstatt. In einem Beitrag der Badischen Zeitung wird heute einer der Unterzeichner zitiert: "Es ist im Sinne Reinhold Schneiders, wenn das Anwesen nicht verbaut wird. Wir wollen der Stadt sagen, dass sie sich kümmern soll". Gut so! 
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Wobei ich die angedachten Nutzungsvorschläge ein wenig kritisch sehe, denn Archive, Werkstätten und dergleichen holde Kunst bleibt in der Regel als erstes auf der Strecke, wenn der Stadt das Geld ausgeht - was übelsten Falls dahin führt, daß die Stadt solch Tafelsilber verscherbelt und die letzten Dinge der Schneider'schen Zuflucht ärger ausfallen könnten als die ersten. Außerdem scheinen mir die Ideen, wozu die Stadt das Anwesen erwerben solle, ein wenig wie Verlegenheitsargumente - Hauptsache, es wird gekauft ... allerdings zeigt sich die Stadtverwaltung bislang ohnehin wenig interessiert.
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Ich meinesteils sehe hier auch die Kirche ein wenig in der Pflicht, sich zumindest Gedanken zu machen, ob man das Anwesen nicht erwerben sollte - schon aus Respekt diesem großen christlichen Geist gegenüber. Das Andenken Reinhold Schneiders zu pflegen und - gefährdet ist es ohnehin - in die Zukunft zu tragen kann nämlich durchaus als eine ehrenvolle Aufgabe der Kirche betrachtet werden; man schmückt sich ja auch sonst von Zeit zu Zeit gerne mit Schneider-Zitaten. Warum nicht ein katholisches Literaturarchiv einrichten, offen und von niederer Schwelle für eine interessierte Öffentlichkeit, gerne auch mit einem kleinen Café oder dem Angebot, im Garten um das Haus Atem holen zu können?
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Nicht zuletzt könnte auch ganz konkret das ein oder andere Stück Literatur und der genius loci - ja vielleicht ein dem Ort verbundener genius temporis damaliger Zeit - erfahrbar erhalten werden, wie zum Beispiel aus folgenden Zeilen zu lesen, geschrieben 1943/44:
Wenn der Mond über den alten Bäumen hervortritt, so steigen die Leuchtkäfer aus dem hohen Grase auf und schwärmen gegen das Haus. Sie umkreisen den Birnbaum, der sich gegen das Haus neigt, schweben an den Mauern empor und nähern sich den geöffneten Fenstern; das Haus ist still, alle Bewohner haben es verlassen, und lange schon betrat kein Fuß mehr die verschlungenen Wege des kleinen Gartens, der sich von der Straße her den Berg hinaufzieht. Im Mondlicht glänzen die Blätter der beiden Edelkastanien, die wie Brüder sind und sich zu einer stillen, schönen Form zusammenschließen; schon ist der Jasmin am Wege verblüht, und die letzten Rosen streuen ihre Blätter rasch in das Gras. Der Brunnen draußen fließt leise fort; er ist zu einsam, als daß er noch auf einen Wanderer hoffen könnte; auch die Nächte werden schwül, und wieder nähert sich die Hochsommerzeit, da vor bald dreihundert Jahren die Schlacht auf dem Berge geschah. Damals hatten sich die Verteidiger auf der steilen Höhe über dem Garten verschanzt, und die Angreifer stürmten drei Tage lang gegen die Hänge; es ist sehr viel Blut auf diesem Boden geflossen; große Namen leuchteten auf, aber es widerstrebt uns, sie zu nennen; mag von denen, die Kränze zu vergeben haben, der Ruhm der Tapferen und Kühnen gepriesen werden; mögen diejenigen, die für die rechte Sache kämpften, gleichgültig ob sie siegten oder unterlagen, in Frieden ruhen, und mag allen, die an jenen heißen Tagen gelitten, gekämpft, sich verblutet haben, ihr Leiden vergolten werden in der andern Welt. Wer mag sich vermessen, zu sagen, was damals wirklich geschah und welchen Ort die Schlacht auf dem Berge einnimmt in Gottes unsichtbarem Plan? Der Berg wurde wieder und wieder umkämpft, Könige und Feldherren sahen von seiner Höhe auf das Gebirge und die Stadt zu seinen Füßen und über das weite Stromtal, aus dem diesseits und jenseits die kühnen, feierlichen Höhenzüge grüßen; immer wieder sind bange, furchtbare Tage gekommen, aber dies alles war, und der Friede ist, und sooft er auch vertrieben werden wird, sooft wird er wiederkehren, und am Ende sind der friedlichen Tage doch viel mehr gewesen als der stürmischen; und da nichts geschieht ohne Gottes Willen, so ist es auch sein Wille, daß hier Friede ist und das Land ruht im ungetrübten Licht der Gestirne ...

Das Zitat aus dem Essay Lorettoberg stammt aus: Reinhold Schneider: Schicksal und Landschaft. Herausgegeben von Curt Winterhalter. Freiburg 1960. S. 383. Das untere Bild zeigt die Lorettoberg-Kapelle, vom Stationenweg aus gesehen. Zu den Plänen rund um Schneiders Zuhause ist hier ein Artikel in der Badischen Zeitung zu finden.

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