Montag, 29. September 2014

Der Herr schelte dich

Michael im Streit mit dem Teufel um den Leichnam des Moses - St. Michael, Freiburg
In den 1950er-Jahren wurde meine Pfarrkirche St. Michael erweitert und bekam dabei einen stattlichen Turm mit einer vom Kirchenraum getrennten Kapelle. Bis heute befindet sich dort ein Glasfenster mit einer ikonographisch eher unüblichen Michaels-Darstellung; das Motiv rührt von einem Vers des letzten der Katholischen Briefe, dem Judasbrief:
Und doch wagte es der Erzengel Michael nicht, als er mit dem Teufel rechtete und um den Leichnam des Moses stritt, ein lästerndes Urteil zu fällen, sondern sprach nur: Der Herr schelte dich! (Jud 1, 9).
Der Judasbrief ist eine Warnschrift vor Irrlehrern, welche die in Christus geschenkte Freiheit in einen Freibrief für schindluderndes Treiben verkehren. In diesem Kontext steht auch der zitierte Vers; kurz zuvor ist die Rede von "Träumern", welche die "Herrlichkeiten" (gemeint sind die Engel) schmähen. Diesen "Träumern" wird Michael vor Augen gestellt, der noch nicht einmal über den Teufel - einen gefallenen Engel - ein "lästerndes Urteil" spreche, mithin einen anderen Engel nicht schmähe, sondern den Fall ganz Gott anheim gebe: Michael handelt nicht aus eigenem Antrieb, sondern in der Sendung Gottes, der er nicht vorgreift. Er ist der Bote, Vollstrecker nur auf Geheiß des Höchsten.
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Die Quelle dieser Streiterzählung ist heute unklar. Man geht davon aus, daß sie entweder direkt oder aus dem Dunstkreis einer nur teilweise überlieferten alttestamentlichen Apokryphe rühre, dem sogenannten Bericht von der Himmelfahrt des Moses (Assumptio Mosis). Diese illustriert die letzten Stücke des Deuteronomium, zumal dessen letztes Kapitel, das vom Tod Moses' berichtet, dabei die Größe des Propheten unterstreicht (Dt 34, 10-12), zudem betont, daß heute niemand wisse, wo genau des Moses Grab zu finden sei, und überdies - je nach Lesart jedenfalls - nahelegt, daß Gott höchstselbst Moses begraben habe (Dt 34, 6), was besagtes Schlußkapitel für weitere Entfaltungen des Berichteten offen hält. Nicht von ungefähr sehen die drei Jünger auf dem Tabor den verklärten Kyrios zwischen Moses und Elias (vgl. Mk 9, 2 ff.) - beide hatte Gott in besonderer Weise zu sich genommen: Elias wurde durch einen feurigen Wagen in den Himmel entrückt (4 Sam 2, 11), das besondere Walten Gottes an Moses bezeugen Überlieferungen wie die Assumptio.
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In der kurzen Reminiszenz des Judasbriefes macht Michael seinem Name alle Ehre: Wer ist wie Gott? Daß der Erzengel die Lage nicht mit einem eigenmächtigen, den gefallenen Engel lästernden Urteil bereinigt, läßt ihn beinahe wie einen Verlierer in diesem Streit aussehen. Ich kann mich gut erinnern, daß ich mich als kleiner Junge - in der Nähe des Fensters hing eine Tafel mit dem obigen Bibelvers - immer gewundert habe, warum dieser Michael, der doch so ein mächtiger Engel sein soll, hier nicht durchgreife und den Leichnam vor dem Teufel in Sicherheit bringe ... der Erzengel aber bedient sich nicht der Denkweise des Teufels, ist nicht Luzifer, ist nicht jenem durch Stolz gefallenen Engel gleich, sondern ist ganz Diener Gottes, nimmt sich zurück, erliegt nicht der Verblendung seines Widerparts, sonnt sich nicht in vermeintlich eigenem Glanz, sondern breitet vor uns die Frage aus: Wer ist wie Gott? 
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Wer könnte sich anmaßen, dem Urteil Gottes vorzugreifen? Gott selbst wird für den Leichnam des Moses Sorge tragen; wie er das tut, auf welchem Weg er das tut, wann er es tut: Gottes Sache! Und Gott wird Michael in den Kampf beordern, wann es Gott in seinem Rat beschlossen hat - wir lesen davon im 12. Kapitel der Offenbarung des Johannes.
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Wie oft stehen wir vor der Frage, warum so viel Böses in dieser Welt geschehe, warum Unschuldige leiden, warum zum Beispiel viele uns im Glauben verbundene Brüder und Schwestern gequält und geschunden werden in diesen Tagen, während ihre Peiniger mit ihren Taten vor der Welt sich brüsten und posieren? Wo ist da Gott, fragen wir uns dann, wo sind seine Engel? All das zu wissen bleibt uns verborgen; gefordert ist unser Vertrauen, daß Gottes Weg jener ist, der zum Ziel führt: zum Ziel, nicht zu einem vordergründigen Triumph, nicht in einen billigen Frieden, sondern zu einem Leben in Fülle - jenseits unserer kurzatmigen und wankenden Vorstellungen, wie dieses letzte Ziel zu erreichen sei.
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Der heilige Erzengel Michael streite für uns, so bitten wir Gott, gegen alle Anfechtungen des Bösen, denen wir zu erliegen drohen, und auch gegen unseren Eigensinn und unseren Kleinmut: "Der Herr schelte dich!" 
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Sancte Michaele Archangele ... defende nos in prœlio!

Kommentare:

kalliopevorleserin hat gesagt…

Dank für diesen schönen Text! Das ist eine gute Haltung, und gar nicht einfach zu haben - denn blöderweise will ja der Teufel viel lieber, daß wir gehässig und rachsüchtig sind.

Windlicht hat gesagt…

Danke für die Betrachtung zu dieser selten zitierten/ausgelegten Michael-Schriftstelle. Ich nehme den Erzengel hiermit auch zum Patron meiner 'spitzen Zunge', wenn sie mal wieder meint, Gottes Richten vorgreifen zu wollen :-(.