Montag, 15. September 2014

Bischofslyrik

-
Eigentlich hielt ich mich bislang der lateinischen Sprache zumindest verstehender Weise halbwegs mächtig - bis zur Vesper heute Abend. Oder nimmt mit zunehmendem Alter das Lesevermögen jetzt wieder ab?Wirken Texte, die einem halbwegs vertraut sein könnten, gar plötzlich wieder neu, wie nie gehört? Wie auch immer ... so radebrechend habe ich selten Antiphonen rezitiert; zudem ist der Zweispaltendruck gängiger breviariorum bücherorum nicht alzheim der Übersicht beste Lösung.
.
Das lamentable Ende erinnert an eine Wendung, die im Alemannischen ungefähr Was' bedtet au där für'e Schtiefel zemme? daherlautet. Das hat man sich womöglich auch einige Etagen höher gefragt, spätestens beim Hymnus Iam toto subitus vesper eat polo ... Bischofslyrik aus dem Hochbarock, Calixtus Palumbella überwiegend daktylisch aus der Feder entrückt, mit jeder Menge Stolperfallen. Aber wunderschön erfunden!
.
Ein kleines Beispiel nur ... die vierte Strophe:
.
Eheu! Sputa, alapæ, verbera, vulnera,
clavi, fel, aloe, spongia, lancea,
sitis, spina, cruor, quam varia pium
cor pressere tyrannide!
.
Weh! Ausgespie'nes, Backenstreiche, Schläge und Wunden!
Die Nägel! Galle und Aloe! Da der Schwamm und die Lanze!
Durst dort und Dornen, Blut - wie mannigfach die Tyrannei,
die dein zärtliches Herz bedrückt!

Kommentare:

Tarquinius hat gesagt…

O wei! Mir ging es ganz ähnlich. Beim nochmaligen Lesen des Bildausschnittes wanderten meine Gedanken gar gen kulinarische Genüsse..

So ganz anders ein Hymnus, der mir gestern zugespielt wurde - zwar nicht vom Schmerzensfest, aber die Birgitten gedachten jeden Freitag der Leiden des Herrn und Seiner Mutter - er weiß wohl nicht durch seine Latinität zu glänzen, aber mich rührte er doch sehr. (Vielleicht auch das Alter?)

Erst wollte ich nur den sich ähnelnden Teil einstellen, aber nun erlaube ich mir doch, fast die gesamte Laudeshymne zu zitieren:

Rogatus Deus rumpere caelos et huc descendere,
venit nobis in Virgine, nos volens salvos facere.

Sputa, flagella, lancea, minae, probra, crux, verbera,
clavi, spine, mors, vulnera, fel, vincla, carnis tubera.

Haec sunt, que Virgo viderat, suo parari Filio,
qui liberare venerat a gravi nos exilio.

Patibulo suspenditur, latronibus conjungitur,
a cunctis fere spernitur, sic desolatus moritur.

O quam predigni rivuli in cruce Christi sanguinis,
et quos fuderunt oculi, sub cruce Matris virginis.

Sic nostra corda penetret, o Jesu, tua Passio,
ut semper nos inhabitet tua vera dilectio.

Andreas hat gesagt…

Grazie! Das einzige, was ich gegen diesen Hymnus nun vorbringen könnte, wäre der Umstand, daß Du ihn hier nur in einer Kommentarspalte vergräbst!

Abgesehen davon habe ich auf den ersten Blick in der ersten Strophe statt "nos volens" "nolens volens" gelesen ... ;-)