Mittwoch, 20. August 2014

Von Bernhard und Maria

St. Bernhard von Clairvaux - Friedenweiler, St. Johannes Baptist
In seinem Buch über den hl. Bernhard von Clairvaux kommt Henri Daniel-Rops auf eine Legende zu sprechen, die uns in der Ikonographie dieses Heiligen häufig begegnet. Im konkreten Fall, ausgehend von Murillos Gemälde "Die Stillung des hl. Bernhard", steht da zu lesen:
Der große Abt liegt auf den Knien mit ausgebreiteten Armen und sieht die Jungfrau Maria an, die ihm ihre entblößte Brust bietet, um ihren Diener zu nähren wie eine Mutter ihr Kind. Das anmutige Bild, hinter dem man freilich keine historische Wahrheit suchen darf, ist dennoch Ausdruck einer tiefen Wirklichkeit. Die liebende Verehrung für die Mutter Jesu und seine innige Ehrerbietung für jene, die er als einer der ersten "Unsere Liebe Frau" nannte, stehen in seinem mystischen Denken ganz im Vordergrund. 
Einer Tradition nach soll er, als seine Brüder das Salve Regina sangen, von überströmender Liebe so hingerissen worden sein, daß er rief: "O clemens, o dulcis, o pia". Dieser Ausruf soll dann zu seinem Andenken dem Gebet beigefügt worden sein. Der Geschichtsforscher kann dies nur als Legende werten, aber als sinnvolle Legende. Auf alle Fälle aber ist aus Bernhards eigenen Sätzen das bezaubernde Bittgebet "Gedenke, o gütigste Jungfrau Maria ..." zusammengefügt worden. Die Marienverehrung des Mittelalters ist mit dem heiligen Bernhard untrennbar verbunden.
Es wäre irreführend, diese "marianische Legende" unseres Heiligen allzu blindlings anzunehmen und die Bedeutung Mariens im Werk Bernhards zu übertreiben, wie auch Bernhards Bedeutung in der Geschichte der Mariologie. Gewiß, er hat uns seine unvergesslichen Homilien über das Evangelium der Verkündigung hinterlassen und einer Reihe anderer Predigten für die Feste der Allerseligsten Jungfrau. Doch all dies macht letztlich nur einen geringen Teil des beträchtlichen Werkes des Heiligen aus. Überdies hat er auf diesem Gebiet nichts Neues gebracht. Eine skrupelhafte Traditionsgebundenheit sollte ihn an diesem Punkt sogar zu wenig glücklichen Schlüssen führen. So bekämpfte er in seiner gewohnten hitzigen Weise den Glauben an die Unbefleckte Empfängnis, ein Glaubenssatz, der von der Kirche doch siebenhundert Jahre später feierlich definiert werden sollte.
Wenn wir nun auch den heiligen Bernhard nicht zu den bedeutenden Lehrern der Mariologie zählen können, so verbleibt er darum nicht weniger ein großer Meister marianischer Frömmigkeit. In den engen Grenzen der Überlieferung, so wie er sie verstand, vermochte dieser Feuergeist Stoff zu finden, dem er Köstlichkeiten abgewann, die dann den christlichen Seelen zugute kamen, die sie in noch höherem Maße ausbeuten konnten.
Unvergleichlich ist Bernhard, wenn er sich mit Hingabe müht, Mariens Rolle als Mittlerin zu erklären: "Wollt ihr einen Anwalt bei Jesus", ruft er, "so wendet euch Maria zu. Ohne Zaudern wage ich es zu sagen: Maria wird erhöhrt werden um der Achtung willen, die ihr zukommt. Der Sohn wird seine Mutter erhören und der Vater den Sohn. Das ist die Leiter für die Sünder: vollkommenes Vertrauen. Hierauf gründet sich meine Hoffnung".
Daß auch wir dieses Vertrauen hegen, dazu helfe uns die Fürsprache des hl. Bernhard von Clairvaux, dessen Fest die Ekklesia heute feiert ... ora pro nobis!
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Der zitierte Abschnitt ist zu finden in Daniel-Rops: Bernhard von Clairvaux und seine Söhne. Heidelberg 1964. s. 52 f. - Im Bild ein Altarblatt aus der Kirche St. Johannes Baptist des ehemaligen Zisterzienserinnen-Klosters Friedenweiler im Schwarzwald; motivisch eine Variation des Themas von der Stillung des hl. Bernhard.

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