Donnerstag, 28. August 2014

Hinhalten und schauen

hl. Augustinus - Klosterkirche St. Märgen, Hochaltar
Gerade dieser Tage fiel mir beim Aufräumen ein Zettel in die Hände, auf dem ich mir einen Abschnitt aus den Confessiones des hl. Augustinus notiert hatte, aus dem ersten Kapitel des 5. Buchs:
... Denn wer sich Dir bekennt, der lehrt Dich nicht erst, was in ihm vorgeht: das Herz, das sich verschließt, schließt ja nicht Dein Auge weg, und keine Starre des Menschen hält Deine Hand ab, denn Du machst sie schmelzen, wenn Du willst, ob erbarmend oder rächend, und niemand ist, der vor Deiner Glut sich bergen könnte ...
Zwei, drei Gedanken, die Grundstimmungen in mir anschlagen, möchte ich aus diesem kleinen Text herausheben. Da ist das Wort von der Unbedingt- und Unverstelltheit, mit der Gott auf und in unsere Existenz, auf und in unsere Verfassung samt deren Verwerfungen blickt - hinein bis in jeden letzten, für uns selbst in seiner Tiefe unschaubaren und unfasslichen Grund. Wir kennen das aus Versen des Psalms 136:
Meine Gedanken erkennst Du von fern; (...) all meine Wege sind Dir kund. Und ist mir ein Wort noch nicht auf die Zunge gelangt: sieh, o Herr, schon kennst du es ganz. (...)
Wohin könnte ich gehn, von Deinem Geiste fort? Wohin fliehen vor Deinem Angesicht? Steig ich zum Himmel hinauf, so bist Du dort; bette ich mich in die Unterwelt, siehe, auch da bist Du. Nehm ich die Flügel der Morgenröte, laß ich mich nieder am Ende des Meers, wird auch dort Deine Hand mich führen, Deine Rechte mich halten.
Spreche ich aber: "so soll die Finsternis mich überdecken, Nacht mich umgeben an Stelle des Lichts" - noch die Finsternis wird Dir nicht dunkel sein; wie der Tag wird die Nacht Dir erstrahlen, und die Finsternis ist Dir wie Licht.
Es gibt nun nichts in uns, was Gott nicht durchschaut. Wir sind - auch in unserer Geschichtlichkeit, im Jetzt und in unserem Herkommen samt den Auslösern für jedwedes aktuelle Verhalten, für ihn transparent. Wir können unser Herz vor ihm nicht abschließen. Im Bild oben gefällt mir darum besonders diese Geste, in welcher der Heilige sein Herz Gott geradezu hinhält. Und dieser Gott ist unser Richter - ob "erbarmend" oder "rächend" hängt davon ab, wie weit wir uns selbst aufschließen, um Gottes Blick auf uns zu teilen, uns zeigen zu lassen, wo Gnade in uns fruchtbar und Leben neu werden und wachsen kann.
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Oder, um nochmals auf diese Darstellung des hl. Augustinus zu schauen: Erst indem er sein Herz von sich weg- und Gott hinhält, kann der Mensch selbst auf dieses sein Herz blicken - soll heißen: sobald er es aus der Enge einer nur um sich selbst kreisenden Existenz befreit, es aus dem Kontext einer Welt heraus-hält, die sich ebenfalls nur um sich selbst dreht.
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Das Wort von Gott, vor dessen Auge wir nichts wegschließen können, birgt für den glaubenden Menschen aber auch einen großen Trost. Romano Guardini schreibt davon, ausgehend von einem Wort aus dem 1. Johannesbrief (3, 19):
"Wenn unser Herz uns anklagt, so ist Gott größer als unser Herz, und weiß alles".
Abgründig ist das Wort. Aber seine Tiefe kommt nicht aus dem, was gedacht werden kann. Es spricht von der "Anklage des Herzens". Die meint nicht nur, daß der Verstand uns sage: das hast du falsch gemacht! Nicht nur, daß unser Gewissen uns vorwerfen: hier hast du Unrecht getan! Sondern das Herz klagt an, und das ist mehr. Aus der Anklage des Verstandes kommt die schmerzende Klarheit der Einsicht. Aus der Anklage des Gewissens kommt das bittere Überführtsein der Schuld. Beides legt eine Last auf den Menschen. Aus der Anklage des Herzens kommt mehr. Etwas, was ganz anders nahegeht, was ganz anders wehtut. Eine ganz andere Traurigkeit steigt aus ihr empor.
Womöglich kennen hier manche diese Anklage des Herzens ... etwa im dämmernden Erwachen aus dem Rausch der Sünde, nach einer Tat, die nicht hätte geschehen dürfen und der man sich trotz allem ergeben hat. Guardini schreibt weiter:
Der eigentlich anklagt in der Anklage des Herzens, ist Gott selbst. IHM ist Unrecht geschehen. Dem heiligen, zarten Leben, das er im Herzen erweckt hat; dem heiligen Vertrauen, das er mit seinem Kinde geknüpft hat ... Was soll da helfen? 
Johannes sagt: "Wenn unser Herz uns anklagt, so ist Gott größer als unser Herz" ... Hörst du, woher diese Antwort kommt? Daß sie aus der gleichen Tiefe kommt, wie die Anklage selbst? (...)
Das Johanneswort ist unsäglich tief. Seine Tiefe liegt nicht im Denkbaren. Sie kommt von anderswo. Sie ist nicht zu ermessen, und darum ist sie immer neu. Denken wir doch einmal die Sätze "Wenn unser Herz uns anklagt, dann ist Gott größer als unser Herz" - und nun, was erwarten wir nun? Etwa "und wird es trösten". Oder: "wird das Leid leichter machen". Da steht aber: "Und er weiß alles".
Hier schiebe ich jetzt einen Satz aus dem eingangs zitierten Abschnitt der Confessiones dazwischen: "... wer sich Dir bekennt, der lehrt Dich nicht erst, was in ihm vorgeht". Nun zurück zu Guardini - Gott weiß alles ...
Dieses Wissen hat die Helle der Sonne und stellt alles in die volle Wahrheit seines Seins. Dieses Wissen hat die Tiefe des Meeres, in dem alles versinkt. Und es hat das unendliche Umfangen der Liebe, in dem sich alles löst.
In dieser Liebe lösten sich einst die unzähligen Irrwege, von denen uns die Confessiones berichten. Mit seiner Fürsprache helfe nun uns der hl. Augustinus, dessen Fest die Ekklesia heute feiert, auf den Weg eines Herzens, das seine Ruhe finde in Gott, der auf uns schaut und alles weiß ... ora pro nobis!
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 Guardinis Worte sind der Ansprache Das Herz und Gott entnommen - in: Romano Guardini: Vom lebendigen Gott. Mainz (2) 1987 (erstmalig 1936 erschienen). S. 41 ff. - Das Standbild des hl. Augustinus ist am Hochaltar der Wallfahrtskirche zu St. Märgen im Schwarzwald zu finden.

Kommentare:

Tarquinius hat gesagt…

Vergelt's Gott für diesen herzbewegenden Beitrag!

viasvitae hat gesagt…

Auch von mir! Ich bin sehr gerne Deinen Gedanken und den Verbindungen der einzelnen Denker gefolgt.