Mittwoch, 6. August 2014

Die beiden Testamente auf dem Berg

Verklärung Christi - Mulhouse, St Etienne
Die Schrifterklärung der Kirchenväter beruhe, so Odo Casel OSB, "auf dem Grundgesetz, daß in der Schrift des Alten Bundes das Mysterium Christi verborgen ist und den Gläubigen strahlend aufgeht" in der Offenbarung des Kyrios Christus. Das heutige Fest der Verklärung scheint mir geradezu das Schaustück dieser Gedanken: Das Geschehen auf dem Berg Tabor ist im Erscheinen von Moses und Elias die letzte große Manifestation des Alten Bundes, den der Logos des Vaters neu weitersprechen wird. In ihm, Christus, erfüllt sich, was im Gesetz und bei den Propheten vorbedeutet worden war.
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Der hl. Ephräm der Syrer hat uns eine schöne Rede über die Verklärung Christi hinterlassen, in welcher er u.a. die Bezüge zwischen den Beteiligten des Taborereignisses beleuchtet und die Erfüllung der Prophetien des Alten Bundes in Christus betont:
"Und es erschienen ihnen Moses und Elias, und sie redeten mit ihm" (Mt 17, 3). Der Inhalt ihrer Unterredung mit ihm war [wohl] dieser: Sie dankten ihm dafür, daß sowohl ihre Worte als auch die aller ihrer Mitpropheten durch seine Ankunft in Erfüllung gegangen sind. Sie beteten ihn an wegen des Heiles, das er ... dem Menschengeschlecht brachte, und wegen der tatsächlichen Erfüllung des Geheimnisses, das sie vorgebildet hatten. (...)
Die Apostel und Propheten sahen einander an; es erblickten sich dort die Führer des Alten und des Neuen Bundes: der hl. Moses sah den geheiligten Simon [Petrus], der Verwalter des Vaters den Verwalter des Sohnes. Jener spaltete einst das Meer, damit das Volk mitten durch die Wogen ziehen konnte; dieser errichtete eine Hütte, um die Kirche zu bauen. Der Jungfräuliche des Alten Bundes sah den Jungfräulichen des Neuen Bundes, Elias den Johannes, der den feurigen Wagen bestieg jenen, der an die Brust des Feuers hinsank. Der Berg wurde zum Vorbilde der Kirche, und Jesus vereinigte auf ihm die beiden Testamente, welche die Kirche erhielt, und tat uns kund, daß er der Spender beider sei. Das eine empfing seine Geheimnisse, das andere offenbarte die Herrlichkeit seiner Taten.
Simon sagte: "Gut ist es für uns, hier zu sein, o Herr!" O Simon, was sagst du da? Wenn wir hier bleiben, wer erfüllt dann die Weissagung der Propheten? Wer besiegelt dann die Worte der Herolde? Wer bringt dann die Geheimnisse der Gerechten zur Vollendung? Wenn wir hier bleiben, an wem erfüllt sich dann das Wort: "Sie haben meine Hände und Füße durchgraben"? Auf wen trifft dann zu: "Sie haben meine Kleider unter sieh verteilt und über mein Gewand das Los geworfen"? Wem wird dann dies begegnen: "Sie gaben mir Galle zur Speise, und für meinen Durst ließen sie mich Essig trinken"?
Der Worte Ephräms sind dem 7. und 8. Kapitel der Rede über die Verklärung des Herrn entnommen - in: Des heiligen Ephräm des Syrers ausgewählte Schriften. Band 1 in: Bibliothek der Kirchenväter. 1. Reihe. Band 37. Kempten / München 1919. Online hier. - Der Kontext des Zitates von Odo Casel OSB ist hier abrufbar. - Das Bild zeigt die Verklärung des Kyrios in einem Glasfenster der katholischen Pfarrkirche St Etienne zu Mulhouse im Elsass.

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