Sonntag, 31. August 2014

Der wahre Weg zum Paradies

Odo Casel OSB
So zeigt uns der Gekreuzigte den Weg zum Vater der Liebe. Von der Welt ist er erhöht, getrennt; er hat nichts mehr von dieser Welt an sich; deshalb hat Satan, der Fürst dieser Welt, keine Gewalt über ihn, wie der Herr selber bei Johannes sagt: "Et in me non habet quidquam - Nichts an mir ist von ihm" (Joh 14, 30). 
Der Herr ist frei, rein, wahrhaft arm im Pneuma, ganz Demut und Gehorsam. Er ist auf dem Wege zum Himmel. Noch hängt er in Schmerzen zwischen Himmel und Erde. Aber der Himmel wird sich auftun, um ihn verklärt aufzunehmen. 
Tot der Welt, lebt er für Gott.
Der Gekreuzigte zeigt uns so das wahre Ziel des Menschen. Es ist nicht der Genuß dieser Welt, nicht Genuß des Leibes, Genuß der Macht und des Reichtums, Ehre vor der Welt; auch nicht irdische Liebe und Wohltätigkeit, Dienst an der Menschheit oder was immer es sein mag. Nein, das Ziel ist Gott, er, dem unser ganzes Sein, unsere Liebe, unsere ganzen Kräfte gehören, ausschließlich gehören.
So wird der Gekreuzigte zum exemplum, zum Vorbild unseres wahren und ewigen Berufes, nämlich rein und ungeteilt der göttlichen Liebe zu dienen und durch Reinheit und Gehorsam in diese Liebe einzugehen. Denn wenn Jesus schon zu dem reumütigen Schächer sprach: "Heute wirst du mit mir im Paradiese sein", wieviel mehr muß er dann selbst vom Kreuze aus in die Arme des Vaters eilen. 
Vom Kreuze ins Paradies, welch wunderbarer und doch naturgemäßer Weg! Denn das Kreuz hat ja die Sünde, die uns aus dem Paradiese stieß, getilgt; nun ist das Paradies durch das Kreuz neu erschlossen. Wessen Liebe gekreuzigt ist, der darf wieder in das Paradies Gottes eintreten, in dem jetzt keine Schlange mehr schleicht, keine Prüfung mehr droht. Dieses Paradies ist ewig.
Aus einer Ansprache von Odo Casel OSB zum Fest Kreuzerhöhung 1928 in: Odo Casel: Mysterium des Kreuzes. Paderborn [nach 1954]. S. 61 f.

Keine Kommentare: