Montag, 25. August 2014

Aber das schmeckt mir auch nicht ...

In traditionsfrohen Kreisen ist es immer ein wenig wohlfeil, Kritik am Verhalten oder an Worten oder Fratzbuch-Einträgen unserer Hirten zu üben. In der Regel stellt sich mehr Beifall als Widerspruch ein. Nachdem ich gestern die Aussage vom "Vorsitz in der Heiligen Messe" zu zerlegen versucht habe, übe ich mich nun ein wenig in Kritik am eigenen Stall:
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Dieser Tage hörte ich nämlich erneut eine Behauptung, bei der mir ebenfalls die Haare zu Berge stehen: Da hieß es einmal mehr, wir – also die Alte-Messe-Molchschaft – feierten mit dem außerordentlichen römischen Ritus "die Messe aller Zeiten", die "Messe, wie sie die Kirche immer gefeiert" habe. - Was soll, was kann damit gemeint sein? Und was schmeckt mir an dem Satz so überhaupt nicht?
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Zum einen steht die Gefahr im Raum, daß einige Gemüter schlicht denken: Die Eucharistia hätte – wohl bald nach dem Pfingsttag – quasi mit dem Stufengebet begonnen und wäre mit dem Schlußevangelium beendet worden. Man mag mich schelten und sagen, das würde doch kaum jemand so glauben. Leider bin ich bereits Zeitgenossen begegnet, die das en gros geglaubt haben – kam (zu allem Übel) en detail noch ein besonderer missionarischer Eifer für diese "Messe aller Zeiten" dazu, so war der Bärendienst nahezu perfekt, den man der Sache erweisen konnte.
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Noch ein anderes schwarzes Loch tut sich auf: Wenn wir behaupten – und es schwingt ja gerne das Moment einer gewissen Exklusivität mit – die "Messe aller Zeiten" zu feiern, was feiern dann eigentlich die anderen? Was tun die Byzantiner, wenn sie die Liturgien des hl. Chrysostomus oder des hl. Basilius feiern? Und was tut der Priester, der die Heilige Messe getreu nach dem Missale Pauls VI. feiert?
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Überraschung! Diese Anderen feiern ja auch "die Messe aller Zeiten" – jedenfalls dann, wenn man das Wort auf den einzig vertretbaren Inhalt zurückführt, den man mit dieser Aussage redlich verknüpfen kann: Denn wo immer das Opfer Christi in rechter Ordnung (!) gefeiert wird, wo immer sich die Ekklesia unter dem Kreuz sammelt, wo immer das Mysterium paschale in die Zeit eingeholt wird, wo Brot und Wein in Leib und Blut Christi gewandelt und zum Vater empor gehalten werden, wo immer unsere irdischen Liturgien in eins gehen mit der Liturgie des Himmels: Überall dort wird "die Messe aller Zeiten" gefeiert, und zwar so, wie sie "die Kirche immer gefeiert hat": ob in diesem oder jenem Ritus, ob auf lateinisch oder griechisch ... oder meinetwegen auch auf deutsch.
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Das soll nun nicht heißen, es seien all diese Riten und Formen von gleicher Güte. Es wird hier niemanden wundern, daß ich – von meiner abendländischen Warte aus - den außerordentlichen römischen Ritus dem ordentlichen aus mannigfachen Gründen (theologisch, spirituell, rituell, soziologisch) vorziehe, mir "tridentinisch" lieber ist als "nachkonziliar". Der außerordentliche römische Ritus ist aber (historisch gesehen) keineswegs "die Messe aller Zeiten, wie sie die Kirche immer gefeiert hat": er ist es im guten Sinn "nur" so, wie man es dann auch anderen Riten bescheinigen kann und muß. 
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Vom Standpunkt des Historikers aus betrachtet ist die "Alte Messe" ein 1570 (übrigens nach liturgiewissenschaftlichen Erkenntnissen jener Zeit) kodifizierter Ritus, der einen apostolischen Kern enthält, dessen konkrete rituelle Entfaltung wahrscheinlich im dritten und vierten Jahrhundert erfolgte und dem spätere Zeiten, vor allem das fränkische Mittelalter, noch manches Element beigefügt haben. 
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Dies anzuerkennen läßt diesen Ritus keineswegs weniger ehrwürdig erscheinen: er ist heiliges Erbe von Generationen und hat Generationen geheiligt – und tut dies bis heute. 

Kommentare:

Jürgen Niebecker hat gesagt…

Probleme, Mißverständnisse oder Streitigkeiten entstehen nicht durch den Ritus selbst, sondern bei denen, die ihm anhangen und dann "ihren" Ritus (egal ob 1962, 1970 oder was auch immer) für den einzig wahren halten.

Etwas mehr Weite täte da den Leuten gut.

Vielleicht wäre es gut ein paar neue Kirchengebote einzuführen:

- „Mindestens einmal im Jahr eine Hl. Messe in der außerordentlichen Form des römischen Ritus andächtig beiwohnen.“

- „Mindestens einmal im Jahr eine Hl. Messe in der ordentlichen Form des römischen Ritus andächtig beiwohnen.“

- „Mindestens einmal im Jahr eine Hl. Messe in einem eigenen Ritus einer katholischen eigenberechtigten Kirche des byzantinischen Ritus andächtig beiwohnen.“

Bei letzterem Gebot muß man freilich auch mal einige km Fahrtstrecke in Kauf nehmen.

Anonym hat gesagt…

Danke für diese Darlegungen!

Und ich möchte ganz allgemein ein großes Vergelt's Gott! für den Blog sagen.

Es ist schön, dass in der derzeitigen Wüste, durch die die Kirche geht, Stimmen wie die Odo Casels, Aemiliana Löhrs und anderer nicht ganz verstummen. Auch wenn unter denen, die sich heute in Theorie und Praxis mit der Hl. Liturgie auseinandersetzen, solche Namen entweder unbekannt oder nicht gerade wohl gelitten sind.
Vielleicht wird ja die Kirche in unserem Land einst solche prophetischen Menschen wie Ida Friederike Görres oder Joseph Ratzinger (wieder?)entdecken...

Gottes Segen Ihnen!

Geistbraus hat gesagt…

Also ich finde den Begriff gut. Auch wenn man ihn nie ohne ein kleines Quentchen Selbstironie verwenden sollte.

Um mich selbst zu zitieren:

Den Vogel schießt schließlich die “Messe aller Zeiten” ab. Diese Bezeichnung hat den entscheidenden Vorteil, dass es von vornherein unmöglich ist, einen Gegenbegriff zu finden. Hier finden wir einen Kampfbegriff reinster Güte. Ihm wohnt das Pathos inne, das auch die großen, selbstbewussten, apodiktischen Christusworte des Johannesevangeliums auszeichnet: “Ich bin das Licht der Welt.” – “Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.” – “Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt.”

Hier endet die Dialektik. Hier fängt das Himmelreich an.

Andreas hat gesagt…

@alle:

Vielen Dank für die Rückmeldungen!

Ich sollte endlich einmal einen Gottesdienst der Ukrainisch-Katholischen Gemeinde hier besuchen. Weniger Grabenkämpfe nur um der Aufreger willen käme uns wahrscheinlich allen zugute.

Die Rückmeldungen zu Casel und Löhr freuen mich natürlich besonders! Neben Casels Schriften zählt vor allem Löhrs "Herrenjahr" zu jenen Büchern, die mich geistlich besonders begleiten und anregen.

Ein Kampfbegriff (wenn man das überhaupt auf die Messe so anwenden will, aber vielleicht erfordert das die Not der Zeit in der Tat) taugt natürlich nicht, wenn man ihn schnurstracks auseinandernehmen und womöglich ins Gegenteil wenden kann - das ist wie Schreckschussmunition in ein Großkalibergewehr laden: Sieht wummig aus, wirkt aber nicht.

viasvitae hat gesagt…

Vielen Dank für diesen ausgewogenen und guten Beitrag, den ich mit großer Freude gelesen habe!

Andreas hat gesagt…

Das macht doch Freude, wenn's andere freut ... Danke für das nette Feedback!