Donnerstag, 24. Juli 2014

Von der Weihe der Sprache

Odo Casel OSB
Auch die Form, in der die Liturgie gefeiert wird und die ja aus ihrem Mysteriencharakter hervorwächst, nimmt teil an dieser zugleich schützenden und verherrlichenden Kraft. Die Symbole zeigen an und verhüllen. Hier liegt auch der tiefste Grund, weshalb die Liturgie nicht in der Sprache des Alltags, sondern in altehrwürdiger Kultsprache gehalten wird.  Zeiten rationalistischer Aufklärung, die den Hauptwert des Gottesdienstes in sittlicher Belehrung und Erziehung zu guten Staatsbürgern fand, nahmen immer wieder daran Anstoß. Demgegenüber wiesen erleuchtete Geistesmänner auf die tiefe Bedeutung einer altgeheiligten, erhabenen Sprache für den Kult hin (1).
Aus der Fülle der Gründe, die dafür sprechen, heben wir unserem Thema entsprechend nur einen hervor: Die Liturgie will in erster Linie Verehrung Gottes sein. Deshalb muß ein Schimmer von der Heiligkeit und Majestät Gottes auf sie fallen. Würde sie aber in der Sprache des alltäglichen Verkehrs gehalten, so würde der zarte Duft einer höheren Weihe von ihr abgewischt. Der feingewirkte Schleier der fremden Sprache, der auch für den der Sprache Kundigen den heiligen Text in eine höhere Sphäre erhebt und mit geheimnisvoller Würde umwittert, gibt der Liturgie ein größeres Ansehen und einen überirdischen Glanz. Auch der zweite Zweck der Liturgie, die Heiligung der Seelen, wird durch die alte Sprache nicht gehemmt, sondern eher gefördert. Denn nicht Belehrung des Verstandes und Erziehung des Willens ist das, was die Mysterien zunächst anstreben, sondern ein innerliches Erfahren des göttlichen, übernatürlichen Lebens. Das Heilige aber wirkt in erster Linie nicht auf den Verstand oder den rationellen Willen, sondern auf die Seele. Das geheimnisvolle Schweigen, das schließlich auch in der Anwendung einer fremden Sprache liegt, redet aber lauter von der Heiligkeit Gottes als die eindringlichste Belehrung.
Der Mensch strebt zudem gerade im Gottesdienst über sein gewöhnliches Dasein hinaus; unwillkürlich greift er, wenn er von Gott oder zu Gott spricht, zu erhabenen Worten, die sonst nicht in seinen Mund kommen. Gerade die antiken Sprachen aber haben schon aus sich und jetzt auch noch durch ihre objektive, feierliche Unveränderlichkeit eine Kraft und Würde, die von keiner lebenden Sprache erreicht werden. So eignen sie sich besonders zu einer sakralen Sprache, ein Abglanz zeitloser Ewigkeit fällt durch sie auf die gottesdienstliche Handlung.
Die Geschichte bestätigt diese Anschauung. Der Kult hat in allen Zeiten, sowohl in den Gewändern der Priester wie im Bau der Tempel, in den Gebärden wie in der Sprache, das durch hohes Alter Geheiligte bevorzugt; er war immer konservativ und hat, zumal bei den antiken Völkern, dadurch oft sogar unverstandene Riten bewahrt. Wörter eines fremden Volkes blieben, wenn der Kult zu einem anderen Volke überging, bestehen, weil ihr voller, bedeutender Klang nicht zu ersetzen war. So übernahmen die griechischen und lateinischen Christen das Alleluja, Amen, Marana tha aus der Liturgie der palästinensisch-syrischen Urkirche ...
(1) Aus der reichen Literatur über den Gebrauch der lateinischen Sprache in der römischen Liturgie heben wir nur zwei tiefgehende Abhandlungen hervor: J. M. Sailer in den "Neuen Beiträgen zur Bildung der Geistlichen" II (München 1811) 250 ff. und Fr. Hettinger, Die Liturgie der Kirche und die lateinische Sprache (Würzburg 1856).
Odo Casel OSB: Die Liturgie als Mysterienfeier (Ecclesia Orans Band 9) Freiburg (3-5) 1923. S. 143 ff.

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