Sonntag, 6. Juli 2014

Schreinergotik und Gestaltungswille

Aus gegebenem Anlass sehe ich mich aktuell zu einer Gegenüberstellung angeregt. Es geht dabei um "Schreinergotik" aus dem Historismus im Vergleich zu kirchlichem Gestaltungswillen unserer Tage. Beginnen wir mit letzterem Punkt und werfen einen Blick in die vor einigen Jahren eigens gestaltete Werktagskapelle meiner Pfarrkirche St. Michael (Freiburg-Haslach). Ich denke, daß das nicht ganz untypisch ist für eine so manchen Gottesdienstraum (bei dem man keine große Rücksicht auf ältere Bausubstanz nehmen musste) heute prägende Ästhetik:
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Im Vergleich dazu das Mittelstück eines neugotischen Altaraufbaus, motivisch ganz typisch dem ausgehenden 19. Jahrhundert verhaftet, Geschichtsklitterung inbegriffen. Es handelt sich um den Schrein des Josephsaltars im Münster St. Jakobus in Titisee-Neustadt:
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Wie gut, daß dieser Zeitgeistballast, dieses ganz und gar Überdekorierte, aus unseren Kirchenräumen verschwunden ist ...? Und dessen Sprache mit dazu ...?

Kommentare:

Tarquinius hat gesagt…

Na gut, und wann bitteschön werden wir den aktuellen Zeitgeistballast los, diese IKEA-Raumkonzepte und dessen Sprache mit dazu?
Die bürgerliche Größenphantasien jedenfalls verfolgen uns bis heute und sind nie kleiner geworden...

Andreas hat gesagt…

Ob ich die Transformation von Ikea-Design in die (weiland) sakrale Sphäre noch "bürgerlich" (ganz gleich, wie man das nun heute definieren könnte) nennen mag, weiß ich nicht so recht.

Auch die "moderne" Bürgerlichkeit tendiert ja dazu, Nestwärme zu erzeugen. Und das wollen so manche aktuelle Kirchengestaltungen ja nun dezidiert nicht.

Tarquinius hat gesagt…

Bürgerlich erscheint mir dieses Design, weil es sich eben auch nur an den aktuellen Befindlichkeiten der Kirchenarchitektur (sofern man das noch so nennen kann) orientiert; die Leere aber interessanterweise viel mehr auf die Veräußerlichung hinweist als die Überfülle der Schreinergotik.
Entworfen sind die modernen Konzepte eben auch nur von Bürgerlichen, nicht von den Armen oder einer Avantgarde der geistigen Erneuerung in Christo.

Modern bürgerlich ist vielleicht auch, die demütige Schlichte bei anderen finden zu wollen, sich selbst jedoch ins wohlige Warme zu setzen.

...aber ich gebe zu, ich habe auch eine sehr eigene Vorstellung von Bürgerlichkeiten... ;-) Ein volkstümlicher Glaube und Kunstsinn, der auch aus dem Volke stammte und von diesem getragen wurde ist für mich jedenfalls alles andere als bourgeois.

Windlicht hat gesagt…

So ist das, wenn man unterforderte berentete Schreinermeister einfach mal was machen läßt....solide, günstig und absolut(Sakralaus-)strahlungsfrei :-( ein nachchristlicher Kirchenraum mit beibehaltener Symbolik, die aber bei Bedarf schnell entfernbar ist.

Andreas hat gesagt…

Mhh, Tarquinius, da werden wir uns womöglich nicht ganz einig. Bürgerlich deuchen hier und da in der Tat gewisse Anleihen bei Ikea; doch gibt es auch Gestaltungskonzepte, die sich selbst davon energisch abzuwenden trachten, ohne daß es schöner, geschweige denn "sakraler" wird. Da scheint mir nichts vorhanden, was wesentlich mit einem Konzept von Bürgerlichkeit zusammengeht, wie immer man diese auch definiert (wäre dem so, wäre es natürlich ebenfalls fragwürdig).

Andreas hat gesagt…

Übrigens: So gesehen leuchtet mir die These von der "nachchristlichen" Kirche - so ganz mag ich sie nicht verdauen - in gewisser Weise ein.