Sonntag, 20. Juli 2014

Orpheus - der Erlöser

Gestern Abend sendete 3sat eine reizvolle Aufführung der Oper Orfeo ed Euridice von Christoph Willibald Gluck - dem Werk liegt der Mythos des thrakischen Sängers Orpheus zugrunde, von dem gesagt ist, sein Gesang hätte selbst Steine erweichen lassen. Nach dem Tod seiner Gattin wird ihm gestattet, in das Totenreich herabzusteigen und seine geliebte Euridike wieder ins Leben empor zu führen. Ein Gebot muß er allerdings achten: Während er mit Euridike das Totenreich durchwandert, darf er sich nicht nach ihr umdrehen. Orpheus jedoch kann nicht an sich halten und wendet sich der Geliebten zu - Euridike aber sinkt in die Schattenwelt zurück: für immer im Mythos, derweil bei Gluck der göttliche Amor eingreift, Euridike erneut erweckt und die Liebenden vereint.
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Zu Beginn des zweiten Akts trifft Orpheus, bereits in die Schattenwelt eingetreten, aber noch nicht bei Euridike angekommen, auf die dort hausenden Furien und Geister, die sich alles andere als freundlich zeigen:
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Chi mai dell'Erebo
fra le caligini,
sull'orme d'Ercole
e di Piritoo conduce il piè?
...
D'orror l'ingombrino
la fiere Eumenidi
e lo spaventino
gli urli di Cerbero,
se un dio non è.
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Wer lenkt
durch die Nebel des Erebus,
auf den Spuren von Herkules und Pyritus,
seinen Schritt?
...
Mit Schauder mögen ihn
die wilden Eumeniden erfüllen,
und die Schreie von Zerberus
mögen ihn erschrecken,
wenn er kein Gott ist.
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Orpheus' Bitten und Flehen, Nachsicht walten zu lassen, wird zuerst rundweg angeschmettert: No! Der Sänger aber weiß um die Qualen dieser Geister und stimmt sie mit Gesang versöhnlich ...
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Mille pene, ombre moleste,
come voi sopporto anch'io;
ho con me l'inferno mio,
me lo sento in mezzo al cor.
...
Men tiranne ah, voi sareste
al mio pianto, al mio lamento,
se provaste un sol momento
cosa si languir d'amore.
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Wie ihr, verächtliche Schatten,
erleide ich tausend Qualen;
meine Hölle trage ich in mir,
ich spüre sie tief in meinem Herzen.
...
Weniger tyrannisch wäret ihr
gegen meine Tränen, meinen Schmerz,
wenn ihr nur einen einzigen Moment fühltet,
was Liebesleid ist.
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Am Ende geben die Furien und Geister den Weg zu Euridike frei. Warum nun schildere ich das lang und breit? 
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Als ich mir das gestern so angehört und angeschaut hatte, kam mir der Gedanke, Orpheus könne Christus sein (und ich bin mir sicher, daß der ein oder andere Kirchenvater den Orpheus-Mythos ähnlich gedeutet haben wird, auch wenn ich gerade keine Belege zur Hand habe). Das Gefüge der folgenden Analogie mag an einigen Ecken ächzen und knirschen, aber so ganz abwegig finde ich den Vergleich nicht:
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Wie Orpheus möchte Christus unsere Seele, seine Braut, zu neuem Leben erwecken - jene Seele, mit der nicht zuletzt das Bild Gottes in uns gesenkt ist: Euridike im Mythos, Gottes lebloses Bild in uns jetzt und hier - dieses Bild, mit dem er sich doch vereinen möchte, gebettet im Schattenreich eines von der Sünde getroffenen Lebens. Auf seinem Weg trifft Christus auf die Furien, unsere fehlgeleiteten Affekte, die aber nicht gänzlich verderbt sind - denn man mag überlegen, ob es sich nicht um eigentlich gute, aber durch die Sünde zuweilen bis ins Grauenvolle entstellte Entäußerungen handele? Zorn und Wut etwa - sind das nicht allzu oft Zerrbilder eines ursprünglichen Eifers zum Guten (eine Ahnung davon vermittelt vielleicht die Erfahrung, daß wir zumeist auch ein paar gute, quasi "rechtfertigende" Gründe für diese Affekte beibringen können). Christus-Orpheus aber spricht uns: 
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Meine Hölle trage ich in mir,
ich spüre sie tief in meinem Herzen.
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Die tiefste Entäußerung Gottes in das der Sünde anheim gefallene Menschliche: "Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht mit unserer Schwachheit Mitleid haben kann, sondern der in allen Stücken versucht wurde in ähnlicher Weise, aber ohne Sünde", um es mit den Worten des hl. Paulus zu sagen (Hebr 4, 15).
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Öffnen wir uns diesem Orpheus, hören wir die Stimme Christi, lassen wir uns rühren von seinem Gesang - all unseren widerstreitenden Empfindungen zum Trotz und zu deren Ruhe, Friede und Lichtung ...
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Mit Schauder mögen ihn
die wilden Eumeniden erfüllen,
und die Schreie von Zerberus
mögen ihn erschrecken, ...
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... freilich nur, ...
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wenn er kein Gott ist.
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Die auf 3sat gezeigte Produktion von Glucks Orfeo ed Euridice ist hier noch einige Tage in der Mediathek abrufbar; der zweite Akt beginnt ungefähr bei 28:15.

Kommentare:

Geistbraus hat gesagt…

das meine ich auch schonmal gehört zu haben. Da sollte man bei Hugo Rahners "Griechische Mythen in christlicher Deutung" fündig werden, andernfalls wahrscheinlich bei Clemens von Alexandrien...

Musikalisch halte ichs allerdings eher mit Monteverdis Version.

Andreas hat gesagt…

Der Hugo ging mir auch im Kopf rum. Ich hatte mal den schönen Band "Symbole der Kirche", der mir aber abhanden gekommen ist (wahrscheinlich irgendwann an irgendwen verliehen und nie zurückbekommen *groll*) ... aber Dein Tipp dürfte bei diesem Thema ohnehin mehr hergeben.

Tarquinius hat gesagt…

Israelem in Aegypto
Pharaone circumscripto
Serpens salvat aeneus;
Sponsam suam ab inferno
Regno locans et superno
Noster traxit Orpheus.


Ostersequenz Morte Christi celebrata, 12. Jhr (steht glaub ich auch im H. Rahner)

Andreas hat gesagt…

Besten Dank - sehe schon: Die Bücher müssen her ... ;-)