Montag, 21. Juli 2014

Kanonstille - Vom Schweigen im Hochgebet

Odo Casel OSB
Zu Beginn des eucharistischen Hochgebetes, des heiligsten Aktes der Liturgie, fordert der Priester in der "Vorrede" - præfatio - die Gläubigen auf: "Aufwärts richtet die Herzen"!" Reinigt sie von allen irdischen Sorgen und Gedanken und richtet sie ganz auf das Göttliche hin! 
Wessen Herz aber bei Gott ist, der sinnt und spricht nichts Irdisches mehr. Der altchristliche Dichter Kommodian sagt daher ausdrücklich vom Sursum corda, der Priester des Herrn spreche es, "damit Stillschweigen werde" (Instruct. lib II 35, 14 f.). 
Die griechische Liturgie hat dem Gedankeninhalt des Sursum corda (Áno tàs kardías) noch eine zweite, ergreifende Form gegeben. In dem Cherubhymnos, der auf den Opferakt vorbereiten soll und bei der Übertragung des Brotes und Weines von der Prothesis zum Altar gesungen wird, werden die Gläubigen aufgefordert, in dieser hochheiligen Stunde alle menschlichen Sorgen abzulegen: "Die Cherubim mystisch darstellend und der lebenspendenden Dreieinigkeit das Dreimalheilig singend, laßt uns alles irdische Sinnen ablegen; laßt uns entgegen gehen dem König des Alls, der sich naht mit dem unsichtbaren Gefolge der Engel" (...).
Das Sursum Corda wie der Cherubhymnos fordert die Stimme und die Seele zum Schweigen während der folgenden Opferfeier auf. "Wenn der Priester vor dem heiligen Tische steht", sagt der heilige Johannes Chrysostomos (sermo 34), "die Hände zum Himmel erhebt und den heiligen Geist anruft, daß er erscheine und die auf dem Altar liegenden Gaben berühre, dann ist große Ruhe; großes Schweigen herrscht, wenn der Geist die Gnade verleiht, wenn er herabkommt, wenn er die Gaben berührt". Heiliges Schweigen zeichnet den erhabensten Augenblick der Liturgie aus; es ist, als ob kein menschlicher Laut die Stille Gottes stören dürfte; auch der Priester dämpft seine Stimme und betet leise. In der griechischen Kirche erhebt er sie nur zur Vorrede, zum Dreimalheilig, zu den Wandlungsworten und zu dem einen oder anderen Gebetsruf. 
Einfacher und vielleicht noch großartiger wirkt das Schweigen der römischen Kirche. Sie singt nach der Vorrede den Teil des Kanons, den wir jetzt Präfation nennen und der mit dem Sanktus abschließt. Die Engel, denen sich die Menschen einen, können vor der unendlichen Majestät nichts anderes sagen als immer wieder: Heilig, heilig, heilig. Aber als ob selbst das noch zuviel sei, schweigt die Kirche, wenn der Engelsgesang verklungen ist, vollständig.
In der Papstmesse verneigen sich, wie es uns die älteren Ordines Romani schildern, nach dem Sanctus die umstehenden Bischöfe, Diakone, Subdiakone und Presbyter und verharren tiefgebeugt bis zum Schlusse des Kanons. Nur die Subdiakone erheben sich beim "Nobis quoque peccatoribus", der Archidiakon am Schlusse und hilft dem Papste bei der Erhebung der Oblaten und des Kelches. Dann erst singen alle aufrecht ihr Amen. Ein feierliches Bild! Die ganze Basilika angefüllt mit der tiefverneigten Schar des Volkes und der Kleriker; der Papst allein aufrecht in stillem Gebet; darüber lautlose Stille gebreitet - man fühlte das Mysterium, man spürte den Atem Gottes, der sich auf den Altar herabließ und das Opfer vollzog und annahm.
Das Schweigen ist eine Vorbereitung auf den göttlichen Logos, der sich in die Brust des Menschen senkt und ihn zur Rede von Gott, zur "Theologia" begeistert. In diesem Sinne ist die ganze Liturgie ein Logos, der aus mystischem Schweigen hervorgeht; denn aus tiefer, stiller Beschauung der Mysterien Christi ist sie geboren und führt wiederum in die Tiefen des Reichtums Gottes ein.
Odo Casel OSB: Die Liturgie als Mysterienfeier (Ecclesia Orans Band 9) Freiburg (3-5) 1923. S. 148-151, 156 f.

Kommentare:

jos.m.betle hat gesagt…

Natürlich versteht kaum noch jemand diese Sprache. Auch wenn Casel und in seinem Schlepptau die Hersteller Nonnen (z.B. Aemiliana Löhr)sich auf die "Mysterienfeier" fest bissen, so weißt dieser Textabschnitt doch sehr deutlich auf das eigentliche Geheimnis unserer Religion hin. Die "Ortskirche" zeigt sich in der Papstmesse und danach in der Bischofsmesse. Das heilige Geschehen geht von dort aus. Auch das heilige Schweigen, jenes Attribut, das es in seiner Vollendung und wahrhafter Bedeutung nur in der katholischen Liturgie gibt. "Das Schweigen ist eine Vorbereitung auf den göttlichen Logos, der sich in die Brust des Menschen senkt und ihn zur Rede von Gott, zur "Theologia" begeistert." -
Vergelts Gott für Deine Arbeit lieber Andreas und Gottes reichen Segen!

Andreas hat gesagt…

Danke für den Segenwunsch - er sei gerne erwidert!

Das "Festbeißen" an der Mysterientheologie (die ja der tragende Grund des Hersteller Schrifttums ist) scheint mir durchaus positiv - und man sollte das vielleicht heute wieder in Erinnerung rufen, etwa bei der Frage der Zulassung von Geschieden-Wiederverheirateten zur hl. Kommunion.

Da wird ja gerne argumentiert, gerade diese bedürften der Stärkung. Dabei vergisst man, daß die Heilige Messe auch ohne Kommunion bereits ein Mysterium im ganz konkreten Sinn ist, das im Vollzug die Herzen der Teilnehmenden verwandeln und heilen kann (sofern man sich verwandeln und heilen lassen will) - und davon sind die Betroffenen ja keineswegs ausgeschlossen. Das betrifft vor allem jene, deren (irrendes) Gewissen sie von einer Verfehlung frei glaubt, die man aber objektiv nicht zu den Sakramenten zulassen kann.