Mittwoch, 2. Juli 2014

Im Gebirge

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"Eilends" machte sich Maria auf "in das Gebirge nach einer Stadt im Stamme Juda", wie uns nach Lukas im direkten Anschluss an den Bericht der Verkündigung gesagt ist (Lk 1, 39) - zu Elisabeth, ihrer Base, über welche kaum minder Ungewöhnliches durch den Engel gesagt wurde, um jenes Ungewöhnliche zu beglaubigen, das Maria verkündigt worden ist, was an ihr geschehen soll und wozu Maria ihr Ja gesprochen hat.
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Ich finde es bemerkenswert, daß uns das Evangelium den Namen dieser Stadt nicht nennt (eine alte Tradition identifiziert sie mit dem westlich von Jesusalem gelegenen Ain Karim), aber deren Lage betont: Maria wandert in ein "Gebirge". In der Heiligen Schrift des Alten Bundes sind Berge und Berglandschaften oft Orte der Gegenwart des Heiligen, Orte der Begegnung mit Gott, Orte, an denen sich Gott in vielfältigen Weisen mitzuteilen versteht - Gott offenbart sich am Sinai, läßt Moses eine Blick auf das gelobte Land vom Nebo aus werfen; Gott umweht Elias am Horeb in stillem Säuseln; auf dem Zionsberg ist der Ort von Gottes machtvoller Gegenwart im Allerheiligsten über den geflügelten Cherubim, um nur einige Beispiele zu nennen: "Ich hebe meine Augen zu den Bergen empor: woher wird mir die Hilfe kommen? Die Hilfe kommt mir vom Herrn ..." fasst Psalm 120 diese Erfahrungen Israels zusammen.
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Der Weg ins Gebirge, den Maria auf sich nimmt, bestimmt sich gewiß nicht allein aus der ausschließlichen Absicht, die im Alter schwangere Elisabeth zu besuchen. Er scheint auch eine Flucht zu sein aus dem Ungeheuerlichen der Verkündigung, Flucht Unserer Lieben Frau hin zu Gott, ein Suchen nach der Antwort auf die Frage, auf was sie sich da eingelassen haben mag, vielleicht auch die Frage, ob es Traum war oder Wirklichkeit ... der Bote, der Gruß, die Verheißung mit all den Konventionen sprengenden Unwägbarkeiten, bei denen ihr, die sich doch mit Joseph verlobt war, geradezu Angst und Bange werden musste ... sofern denn all das, was sie nun um- und zu Eile treibt, keine Einbildung war. An Elisabeth wird sich erweisen, ob und wie die Stunde von Nazareth Marias Leben künftig bestimmen wird - an Elisabeth, ihrer greisen Verwandten, die doch auch schwanger sein soll, weil bei Gott kein Ding unmöglich sei (vgl. Lk 1, 37).
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Maria also macht sich "eilends in das Gebirge" auf. Gott wird dort ihren Zweifeln und Fragen eine Antwort geben in der Begegnung mit Elisabeth, die Paul Claudel anrührend in Worte gefasst hat:
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Ich glaube, ich bin dabei und betrachte, was sich da spielt. /
Und sehe die armen Mundwinkel zittern
und wie es den Augen plötzlich entquillt, /
Diese Tränen alternder Leute,
wenn einmal das Herz versagt und sich selber zunichte macht, /
Die Grimasse dessen, der weinen muß wie einer, der lacht. /
Und unermessliche Freude füllt ihre Augen,
den Tränen zum Trotz. /
Die Mutter Johannes des Täufers betrachtet die meines Gotts!
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Elisabeth gewahrt des großen und freudigen Geheimnisses, welches ihr in Maria begegnet. Und Maria erfährt die Gültigkeit des an sie ergangenen Wortes; nun lösen sich alle Zweifel, löst sich alle Furcht und jede Angst. In dieser Begegnung in jener Stadt im Stamme Juda im Gebirge, in deren Rahmen Gott an Elisabeth seine erste Verheißung als erfüllt zeigt, kann Maria das Ja, welches sie dem Engel zugesagt hat, aus vollem Herzen nun auch selbst ganz annehmen und in die jubelnde Freude des Magnifikat münden lassen:
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Hoch preist meine Seele den Herrn,
und mein Geist jubelt in Gott, meinem Retter!
Denn er hat geschaut auf die Niedrigkeit seiner Magd.
Seht! Von nun an werden mich selig preisen alle Geschlechter.
Großes hat an mir getan, der mächtig ist,
und heilig dessen Name,
und dessen Barmherzigkeit waltet von Geschlecht zu Geschlecht
über denen, die in Ehrfurcht ihm dienen ... (Lk 1, 46-50)
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Bild: Mariä Heimsuchung - Schnitzwerk aus einem neugotischen Altaraufsatz in der Pfarrkirche St. Johannes der Täufer, Saig im Hochschwarzwald; das Claudel-Zitat ist dem Gedicht Heimsuchung aus dem Band Der Wanderer in der Flamme - Ausgewählte Gedichte (übertragen von Hans Urs von Balthasar, Einsiedeln (3) 1953, S. 27) entnommen.

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