Samstag, 19. Juli 2014

Ein gemalter Christ trinkt seinen Kaffee

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Vor einigen Tagen saß ich nach der Arbeit draußen vor einer Bäckerei und schlürfte an einem Kaffee herum - die wenigen Tische waren weiter nicht besetzt und das war mir ganz recht: Ich schätze diese Augenblicke, in denen sich das Leben der anderen von einem fernhält. 
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In dieser "Beschaulichkeit" kam plötzlich eine Frau auf mich zu - sie saß in einem Rollstuhl, und der erste Eindruck, der sich meiner bemächtigte, war wenig christlich: "Hoffentlich fährt die vorbei". Das tat sie nicht; vielmehr sprach sie mich an, ihrer Behinderung wegen mit schwerer Zunge und nicht laut genug, als daß ich es verstanden hätte. Ich fürchte, mein "Wie bitte?" wird bereits irgendwie nach "Machen Sie bloß, daß Sie weiterkommen" geklungen haben. Der Rollstuhl blieb stehen; die Frau sprach nochmals kurz vom Wetter, ich antwortete mit irgendeiner Belanglosigkeit. Sie verweilte noch kurz, dann setzte sie ihren Rollstuhl wieder in Bewegung und fuhr davon ...
Gibt es einen Kranken, mit dem ich nicht krank wäre? Und wie wäre ich imstande, seine Krankheit mitzufühlen, wären wir nicht in unserem Herrn und Haupt einander teilhaftig? Alle Menschen bilden zusammen einen mystischen Leib, wir sind alle Glieder. Ich habe noch nie von einem Glied gehört, nicht einmal bei Tieren, das dem Schmerz eines anderen Gliedes gegenüber fühllos ist. 
Ist ein Teil des Menschen zerschlagen, verwundet, vergewaltigt, dann fühlen es alle anderen Teile. Alle Glieder verbindet ein wechselseitiges Mitgefühl, das Leid des einen ist das Leid des anderen. Umso mehr Ursache haben die Christen, Glieder des gleichen Leibes und Glieder untereinander zu sein, sich gegenseitig Mitleiden zu zeigen. Christ sein und seinen seinen Bruder leiden sehen, ohne mit ihm zu weinen, ohne mit ihm krank zu sein, das hieße ohne Liebe sein, ein gemalter Christ ...
In gleicher Weise bedeutet es einen Akt der Liebe, sich mit den Frohen zu freuen und am Gegenstand ihrer Freude teilzunehmen.
Das sind große, fordernde Worte des hl. Vinzenz von Paul, gesprochen gut ein Jahr vor dessen Tod und Frucht eines reichen apostolischen Lebens. Wie wenig werden wir diesen Ansprüchen gerecht ... vor allem aber ... Wie viel unternehmen wir, um ihnen zumindest ein wenig gerechter werden zu können? 
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Weil die Ekklesia heute das Fest des hl. Vinzenz feiert, blätterte ich vorher in einem Buch mit Auszügen aus seinen Schriften, Briefen und Konferenzen, stieß dabei auf diese Passage und entsann mich der Begegnung mit jener Frau im Rollstuhl und meiner Reaktion. Mit ein paar Worten, ein wenig Zeit, die ich ihr hätte schenken können, wäre unser beider Leben vielleicht ein Stück reicher geworden. So aber blieb nur ein "gemalter Christ" zurück und schlürfte - mit einem schlechten Gewissen - weiter seinen Kaffee: Heiliger Vinzenz von Paul ... ora pro nobis!
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Das Bild zeigt den hl. Vinzenz von Paul als Führer zu Christus; gefunden in der Kirche St. Johann in Freiburg. Das Zitat stammt aus einer Conférence des hl. Vinzenz vom 30. Mai 1659; in: Hans Kühner (Hrsg.): Vinzenz von Paul als Gestalt des Grand Siècle. Köln (2) 1963. S. 265.

Kommentare:

Theo hat gesagt…

Iss Eiße, Alter. Geht mich genauso. Wenn’ich unterm Baum sitzen tu un’ an nix böses denk, dann kommen immer so Tussis und mit die tu ich mich dann unterhalt’n. Die sind immer von mein Scharm ganz weg und da freu ich mich schon. Aber weiße was Eiße iss? Bei Anni funktioniert mein Scharm nich’ un’ bei Jenny auch nich’ un’ auch nich’ bei Julchen. Iss das’ne Eiße!

Andreas hat gesagt…

Tja, armer Theo! Vielleicht hülfe, du würdest Deine Rhetorik noch weiter verfeinern? So'n bischen weniger 'Eisse, dafür ein Quentchen mehr Galanterey? Vielleicht klappt's ja dann mit Anni, Jenny oder Julchen ...?!?