Dienstag, 8. Juli 2014

Die Sprache des Betens - eine Randbemerkung

Ich habe ein interessantes Büchlein im Regal stehen ... Über die religiöse Sprache. Kritische Erfahrungen. Erschienen ist es 1965 in Frankfurt, verfasst hat es der katholische Jurist Franz Calvelli-Adorno, mithin kein genuin geistlicher Autor. Im Fadenkreuz stehen unter anderem Stil, Wortwahl, Dekor und Ornament, mithin die Rhetorik überkommener, damals in Kirche und Haus üblicher Gebetstexte.
.
Auch wenn ich nicht jede Einschätzung dieser Schrift teilen würde, so bietet sie doch Gedanken, denen nachzuspüren sich lohnt. Etwa in Bezug auf das Gebet Jesus, dir leb ich, gerade in traditionsfrohen Kreisen auch heute gern gesungen oder zumindest gesprochen; Calvelli-Adorno merkt dazu - und er scheint mir keineswegs Unrecht zu haben - an:
Es wurde bereits auf die Gebete großer Heiliger hingewiesen, die nach langer geistlicher Übung auf einer hohen Stufe religiöser Selbstzucht oder in seltenen Augenblicken der Entrückung geschaffen wurden. Ständig im Alltag gesprochen, sind sie für die innere Wahrhaftigkeit fast gefährlicher als schwächlicher Kitsch; sparsam und im richtigen Moment gebetet, sind sie unschätzbar.
Den Vers "Jesus, dir leb ich, Jesus, dir sterb ich, Jesus, dein bin ich im Leben und im Tode" täglich im Sprechchor (etwa nach der Messe vor eilfertigem Hinausgehen) zu beten, ist meistens wertlos. Welche Anforderungen, wenn ich ihn ernst nehme! (...) 
Wie wenige von uns können in der Aussageform - nicht in der Wunschform - sagen: "dir lebe ich", ohne zu lügen! Will man eine tägliche Bitte daraus machen, so könnten die meisten von uns ehrlicherweise höchstens beten: "Herr, gib, daß ich noch vor meiner Todesstunde dahin gelange, daß ich sagen kann: "Jesus, dir leb ich, Jesus, dir sterb ich, Jesus, dein bin ich im Leben und im Tode" ... (S. 65).
Seit geraumer Zeit geht es mir ähnlich mit all zu heißen Treueschwüren und Weihegebeten, aber etwa auch mit dem Gebet des hl. Bruder Klaus, welches man gewiß zu den von Calvelli-Adorno erwähnten Gebeten "großer Heiliger" rechnen darf, Frucht "langer geistlicher Übung auf einer hohen Stufe religiöser Selbstzucht" (es mag übrigens sein, daß der folgende Gedanke originär auch aus dessen Büchlein rührt, aber ich bin jetzt bei der Durchschau nicht darauf gestoßen):
.
Wenn wir etwa beten, dieser unser "Herr und Gott" nehme alles von uns, was uns hindert zu ihm - so will ich nicht wissen, wie wir Zeter und Mordio schreien würden, wenn er uns da von Heute auf Morgen beim Wort nehmen wollte. Auch wenn er uns gewiß alles geben mag, was uns zu ihm fördert (wir müssen es letztlich ja auch auf- und annehmen!).
.
Ich würde nun nicht den Schluß ziehen wollen, man solle auf solche Gebete besser verzichten. Auch Cavelli-Adorno scheint dazu nicht zu raten. Aber die Worte sollten nicht von Beiläufigkeit begleitet werden, sondern von der Absicht zur Umkehr - gerade auch, weil wir wissen, daß wir als sündige Menschen unserem Anspruch wohl nie gerecht werden können, wenn Gott uns und unsere Unzulänglichkeit nicht in seiner Gnade auffängt.

1 Kommentar:

viasvitae hat gesagt…

Ich würde dem Gesagten zustimmen. Gerade beim Gebet von Bruder Klaus ist es mir aber auch schon einmal passiert, dass die existentielle Wucht des Gebets dem Beter bewusst wurde. Wir machten auf der Rückfahrt einer Jugendfahrt noch Halt in Sachseln und feierten in der dortigen Kirche eine Messe. In dieser sollte ein Ordensmann, der uns begleitete, vorne das Gebet "Mein Herr und mein Gott" sprechen, er begann, musste dann aber abbrechen. Gerade deswegen aber hat es mich auch sehr berührt, weil dadurch eben die große Tiefe zum Ausdruck kam, die das Gebet besitzt. Ich habe größten Respekt vor dem, der die letzten Verse wahrhaft zu beten vermag: Mein Herr und mein Gott,
nimm mich mir
und gib mich ganz zu eigen Dir.