Freitag, 27. Juni 2014

Von der Sehnsucht der ewigen Hügel


Zu den schönsten Invokationen der Litanei vom Heiligsten Herzen Jesu zählt für mich der Ruf 
Cor Iesu, desiderium collium æternorum: miserere nobis.
Herz Jesu, du Sehnsucht der ewigen Hügel: erbarme dich unser!
Ursprünglich hörten wir diese Worte im Segen des Patriarchen Jakob über seine zwölf Söhne in der Fassung der Vulgata. Dort wird über Joseph gesprochen (Gen 49, 22-26):
Sohn des Gedeihens ist Joseph, ein Sohn gedeihend und des Auges Lust; die Töchter schreiten auf der Mauer dahin. Aber sie reizten und erbitterten ihn, sie stellten ihm nach, die Pfeilbewehrten. Doch bleibt ihm fest sein Bogen, und gelöst sind die Bande seiner Arme und Hände durch die Hände des Starken in Jakob, durch den, der sich kundgegeben als der Hirte, der Grundstein Israels. Der Gott deines Vaters wird dein Helfer sein, und der Allmächtige dich segnen mit den Segnungen des Himmels von oben, mit den Segnungen der Tiefe, die unten liegt, mit den Segnungen der Brüste und des Mutterschoßes! Die Segnungen deines Vaters sind mächtiger, denn die Segnungen seiner Väter; bis kommt die Sehnsucht der ewigen Hügel; sie seien auf Josephs Haupt und auf dem Scheitel des Nazaräers unter seinen Brüdern.
Anverwandt und diese Stelle zum Teil ausdeutend das Segenswort, welches Moses später über den Stamm Joseph spricht (Deut 33, 13-16):
Zu Joseph sprach er dann: Vom Herrn gesegnet sei sein Land mit Himmels Früchten, und mit Tau und Wasser aus der Tiefe; mit der Sonne Fruchterzeugnis, und des Mondes; was auf der Urzeit Bergeshöhen, was da Frucht der ewigen Hügel ist; mit der Erde Früchten, und mit ihrer Fülle. Der Segen dessen, der erschien im Dornbusch, komm herab auf Josephs Haupt, und auf den Scheitel dessen, der Nazaräer unter seinen Brüdern ist.
Der hl. Isidor von Sevilla, der letzte der lateinischen Kirchenväter, interpretiert die erwähnten "Hügel" in seinen Quæstiones in Vetus Testamentum (In Genesin 33, 59 f.) mit Blick auf den in der Genesis überlieferten Wortlaut und im Rückgriff auf die patristische Deutungstradition als die Gerechten des Alten Bundes:
Die Hügel sind jene Heiligen, welche das Kommen Christi weissagten, derweil sie mit großer Sehnsucht seine Inkarnation erwarteten, und von denen der Kyrios sprach: "Viele Gerechte und Propheten sehnten sich zu sehen, was ihr seht" (Mt 13, 17). Diese Heiligen nun werden "Hügel" genannt aufgrund ihrer hervorragenden Heiligkeit. Sie werden zudem "ewig" genannt, denn sie richteten sich aus auf das ewige Leben ... 
Der Ruf "Du Sehnsucht der ewigen Hügel" mag uns so mit all jenen Gerechten verbinden, die vom Sündenfall bis zur Stunde von Golgotha der Erlösung harrten, die sich in der Hingabe des Kyrios am Kreuz vollzog und zu deren eindrücklichsten Zeichen der Strom von Blut und Wasser geworden, welcher der geöffneten Seite entfloss, dem Herzen des Erlösers entsprungen ist.
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Diese Gerechten, befreit aus dem Reich des Todes, in welches der Kyrios durch seine Erhöhung am Kreuz herabgestiegen ist, sie zählen also - mit Sankt Dismas, dem guten Schächer - zu den Erstgeborenen der neuen Schöpfung. So bitten wir darob, daß auch wir vertrauensvoll in all den Lebensmomenten, die uns zum "Reich des Todes" bereits geworden sind oder zu werden drohen, unseren Blick auf das Herz des Erlösers richten können und uns von ihm jene Rettung ersehnen, welche den Gerechten des Alten Bundes zuteil geworden ist ...
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Die Berge sollen Frieden verkünden dem Volk
und die Hügel Gerechtigkeit! (Ps 71, 3)
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Die Herz-Jesu-Darstellung im Bild rührt von einer Prozessionsfahne in der Pfarrkirche St. Markus und Fides in Sölden bei Freiburg.

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