Mittwoch, 25. Juni 2014

Von den glücklichen gelben Säcken


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Ein Schnappschuss aus der Straßenbahn - als ich heute zum ersten Mal an diesem Szenario vorbeifuhr, zog sich mir natürlich zuerst ein wenig das Herz zusammen ... muß man Müllsäcke unbedingt einem Heiligen vor die Füße werfen? Nun könnte man das selbstverständlich auch analytischer betrachten: Der Herdentrieb im Menschen könnte - wer weiß? - ihn beneigen, sogar seinen Müll möglichst nicht in freier Pampa zu parken, sondern ihn dort zuzugesellen, wo schon etwas in der Landschaft steht, sozusagen eine Spielart von Drang und Suche nach Orientierung. Aber wahrscheinlicher deucht die Annahme, daß die Ecke - nach der kleinen Rampe links - das nächstbeste Zwischenlager für solch Unrat ist.
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Nun mahnt uns ja das Mittelalter, für traditionsfrohe Seelen samt schmerzenden Herzen ohnehin eine Referenzepoche, den Spuren Gottes im Buch der Natur nachzutappen. Weil das im urbanen Raum nicht immer einfach ist, kann man es auch mit dem Buch der Kultur (oder dem, was heute davon übrig) probieren. Und tatsächlich: Die gelben Säcke bringen die Welt nicht gerade zum Singen, können aber zu uns sprechen.
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Und was sagen uns die hier? Zum Beispiel, daß wir uns nicht allzu sehr aufregen sollten wegen einiger Müllsäcke beim heiligen Bilde ... schmeißen wir doch dem lieben Gott (den wir in unserer Existenz als Christen und in unserem Leben als weit gegenwärtiger bekennen, als es Sankt Nepomuk im Steinbild jemals sein könnte) Tag um Tag Dreck in Form diverser Sünden und schuldhafter Verstrickungen vor die Füße. 
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Obendrein sagen sie uns, daß wir das - in einem höheren Sinn - sogar tun dürfen und tun sollen, sofern wir denn über alle Verfehlung hinaus den reuenden Willen haben, all den Dreck wieder irgendwie loszuwerden. Und zuletzt raunen uns die gelben Säcke zu, daß Gott selbst aus unserer Schuld noch Gutes rausverwerten kann und manchmal sogar Besseres: 
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O felix culpa! Ihr glücklichen gelben Säcke!