Sonntag, 15. Juni 2014

In Ruinen knien

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Nein, nicht im bereits mehrfach erwähnten und mithin üblich verdächtigen Diakonie-Laden, sondern in der Wühlkiste eines Antiquariats fand ich gestern das nebenstehende Büchlein Auferstehung im Tod - Gebete von Erich Przywara SJ (1889-1972). Der Titel machte mich zuerst etwas stutzig ... "Auferstehung im Tod"? Ist das nicht der halbwegs letzte Schrei zeitgemäßer Wir-kommen-irgendwie-alle-in-den-Himmel-Eschatologie? Doch das schien mir - schon rein zeitlich gesehen - nicht ganz zu Przywara zu passen ...
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Alte-Messe-Molche und sonstige traditionsfrohe Seelen werden mit Przywara spätestens dann etwas anfangen können, wenn die Rede auf das Christkönigslied O du mein Heiland hoch und hehr zu sprechen kommt, dessen Dichter der Jesuit gewesen. In der Erzdiözese Freiburg ward weiland zum Eingang der Messe auch gerne Steigt zum Berg empor die Pfade oder das Heilig-Geist-Lied Großer Führer aller Welten gesungen, beide Texte ebenfalls aus Pryzwaras Feder - die Melodien schrieb jeweils Josef Kreitmeier SJ.
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Die hier veröffentlichten Gebete stammen aus der Zeit zwischen 1943 und 1947, die meisten aus den Jahren 1944 und 1945. Ähnlich wie die Theologischen Gebete von Romano Guardini sind Pryzwaras Texte der Seelsorge entwachsen und wurden zum Abschluss von Predigten und Ansprachen aus den jeweiligen Themen heraus zunächst frei vorgetragen; der historische Kontext ist hierbei freilich nicht zu überhören.
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Dies mag zum Titel des Bändchens führen - Auferstehung im Tod: Es bedarf mithin keines besonders wachen Ohrs, um den Zeitbezug zwischen den Zeilen herauszulesen; Pryzwaras Gebete steigen aus den geistigen Ruinen Deutschlands zu Gott empor - und gerade bei den Texten der letzten Kriegsjahre auch aus der Lebenswirklichkeit der Menschen in den zerbombten und verbrannten Städten: "O Herr und Gott, wir bekennen, daß wir das Totenfeld sind, das noch in dieser Stunde sich gegen dich sperrt" heißt es etwa in einem Gebet vom April 1944. Nahezu ein Jahr später - nun also einen Monat vor Kriegsende: 
O Vater im Himmel, wir spüren in dieser Stunde die ganze Tiefe Deines hohen Geheimnisses. Wir haben hier auf Erden kein heiliges Vaterhaus; denn unsere Kirchen liegen in Trümmern. Wir haben hier auf Erden kein menschliches Vaterhaus mehr; denn unsere Häuser liegen in Trümmern. O Vater im Himmel, zum erstenmal spüren wir, was wir im "Vater unser" beten: "Vater unser, der du bist im Himmel, zu uns komme dein Reich", spüren wir, daß Du unser Haus bist, daß Du unsere Familie bist.
Oder - wie es im letzten Gebet dieser Sammlung (vom Juni 1947) heißt:
O Ewiger Gott, wir knien in den Ruinen all unserer Träume, all unserer Wünsche, all unserer Erwartungen, wir knien in den Ruinen all unserer Werke, die wir aufgerichtet haben, und, was schlimmer ist, wir knien in dem Fluch, der über uns ergangen erscheint, wir knien in dem Ausgestoßenen durch die ganze Menschheit. Wir knien wie als das Beispiel des "Menschen der Lüge" und des "Menschen des Mordes".
Aber, o Ewiger Gott, wir glauben, auch wenn es unsere Augen nicht sehen, auch wenn unsere Herzen es nicht begreifen, wir knien eben so in den Ruinen, die Dir gehören, die Dir geweiht sind, die stärker Dein Gotteshaus sind, die stärker Dein Odem sind als alle Herrlichkeit, die verflossen und vergangen ist, oder die wir ersehnen. Denn wir dürfen knien einbeschlossen und einverschleiert in den Schleier des Mysteriums, das Du selbst bist ...
Diese Gebete sind für mich weit mehr als nur Zeitdokumente, die uns bestenfalls noch historisch interessieren könnten - ich persönlich sehe unser Hier und Jetzt in vielen dieser betenden Gedanken angesprochen, wenngleich sich der Unbill in Kirche und Gesellschaft anders gewandet haben mag: Auch wir knien heute in Trümmern und Ruinen.

Kommentare:

Severus hat gesagt…

"... weit mehr als Zeitdokumente ..." - in der Tat! vielleicht prophetische Dokumente der Zukunft ...
Danke !

Ester hat gesagt…

Ich finde immer wieder dass viele Texte, so auch wie der von dir dankenswerterweise zitierte von Erich Przywara, aber auch vieles von Hans Urs von Baltahasar, Gertrud von leFort, Romano Guardini, Ida Frederike Görres, Reinhold Schneider, irgendwie für uns geschrieben scheint.
Oder liegt es daran, dass wir in den letzten Jahrzehnten uns in der Illusion gewiegt haben, und auf dieser Erde doch gemütlich einrichten zu können?
Und diese Texte, im Gegensatz zu den Beschwichtigungs- und "Freundschaft mit der Welt" Texten der Nachkonzilszeit, einfach nur wahr sind.
Danke dafür übrigens.

Andreas hat gesagt…

Interessanter Aspekt - aus dem Bauch heraus würde ich sagen, daß sich da tiefe Spiritulität vereint mit einer reichen Lebenserfahrung; diese nicht zuletzt im Leiden, bis tief in die jeweiligen Persönlichkeiten hinein, Guardini und Schneider hatten zum Beispiel beide mit Depressionen zu kämpfen, denen sie ihren Glauben immer wieder abringen mußten.

Von den Zeitumständen ganz zu schweigen: All das zusammen ergibt ein Schrifttum, das nicht nur zu Papier gebracht, sondern im wahrsten Sinn des Wortes zum Teil auch "erlitten" wurde ...

Windlicht hat gesagt…

Lieber Andreas, Sie haben offenbar mächtig viel an Charismen am zurückliegenden Pfingsten abbekommen - danke für die Pryzwara-Gebete und Ihre Gedanken. - Ich hatte mich im Studium an die Analogia entis herangewagt...und bin kläglich gescheitert. In aller Ähnlichkeit die je größere Unähnlichkeit... kaum Platz, um zum Stehen zu kommen, alles in Bewegung, aber in Richtung Deus semper maior, also nach oben.

Pryzwara ist schwere Kost, mehr Dichter als Theologe/Religonsphilosoph...spätestens mit den Kriegserfahrungen (siehe Ihre Einordnung) gleitet alles mehr und mehr in eine radikale Theologia crucis ab, katholisch gewendet (als Theologia g l o r i a e crucis.) - Er selbst hatte dann im letzten Jahrzehnt seines Lebens die persönliche Feuerprobe dazu. - . Wie Severus sagt: ein Prophet für die Zukunft!