Montag, 16. Juni 2014

Gestern oder Heute?

Früher war auch nicht alles Gold, was ... nun ja: die unten dokumentierte "religiöse Lage der französischen Landbevölkerung" dürfte bereits vor Jahrzehnten (1940er-Jahre) nicht glänzend gewesen sein, geschweige gülden. Und in besagtem Artikelauszug ist nur von den "indifferenten" Pfarreien die Rede - es existieren auch noch ("entchristlichte Gebiete") Keller darunter; wobei aber nicht vergessen werden soll, daß es auch viele Landpfarreien gab, die damals als eigentlich "christlich" qualifiziert wurden und in denen ein halbwegs intaktes Glaubensleben vorherrschte.
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Warum ich das hier dokumentiere? Einerseits, weil ich es interessant finde. Außerdem bekommen Romane wie zum Beispiel das Tagebuch eines Landpfarrers von Georges Bernanos einen - wenngleich unfreulich - realistischen Hintergrund. Dann, weil Alte-Messe-Molche gerne davon ausgehen, daß früher alles besser gewesen - was nicht ganz falsch ist, aber eben auch nicht besonders richtig (zudem besteht heute die Gefahr einer gewissen Flucht ins rein Nostalgische: historisch, liturgisch, spirituell). Und nicht zuletzt, weil man - über den Daumen gepeilt - feststellen könnte, daß wir hierzulande trotz aller Reformen und Modernisierungen und bei (trotz?) allen natürlich differierenden Rahmenbedingungen auf die geschilderte Lage stracks zuzulaufen scheinen:
... Auf die christlichen Pfarreien folgen die indifferenten. Sie stehen in religiöser Hinsicht wesentlich tiefer und bilden den Übergang zur vollständigen Entchristlichung. Der Verfasser verweist in diese Gruppe alle Pfarreien, die unter 40 Prozent prakti­zierende Katholiken haben, aber äußerlich noch den Schein einer christlichen Kultur aufrecht erhalten. Die Kirchen sind gewöhnlich gut erhalten, die Kinder werden getauft und christlich unterrichtet, die Ehen werden kirchlich eingesegnet und die Toten kirchlich beerdigt. In großen Zügen bewegt sich das religiöse Leben dieser Gemeinden in folgenden Abschnitten: Taufe - hl. Kommunion - Hochzeit - kirchliches Begräbnis. 
Bis zur ersten hl. Kommunion ist die Teilnahme am religiösen Leben noch gut. Nach der Hochzeit bis zum Tode klafft gewöhnlich eine vollständige Lücke: Kein Gottesdienst mehr, keine Osterkommunion. Ein Pfarrer berichtet von einer solchen Gemeinde von 500 Seelen: 3 Frauen und die Unterrichtskinder besuchen den Sonntagsgottesdienst. 8 Personen, die Kinder inbegriffen, empfangen die Osterkommunion. Die 10 Ehen in einem Jahr wurden alle gezwungenerweise geschlossen, weil bereits Kinder vorhanden waren. Aus einer andern Pfarrei dieser Gruppe wird berichtet, dass die Bekanntschaften zwischen Burschen und Mädchen mit 13 Jahren beginnen. Ein anderer Pfarrer meldet, dass er eines Tages zugleich drei Kinder in der Familie taufen musste, darunter zwei außereheliche. Wenn in diesen Gemeinden die religiöse Tradition sich noch am Leben erhalten hat, so ist der Be­griff der christlichen Sittlichkeit beinahe vollständig geschwunden (...). Flächenmäßig erstreckt sich das Gebiet der indifferenten Gemeinden auf 3/5 des Landes und erfasst über 11.000.000 Katholiken.
Die religiöse Lage der französischen Landbevölkerung. In: Apologetische Blätter. Mitteilungen des Apologetischen Instituts des schweizerischen katholischen Volksvereins. 9. Jahrgang. Ausgabe Nr. 23/24 vom 20. Dezember 1945. S. 227 - hier ist ein PDF des Heftes zu finden.

1 Kommentar:

Eugenie Roth hat gesagt…

"Taufe - hl. Kommunion - Hochzeit - kirchliches Begräbnis." Sowas hat ein Gastprediger mal "fahrende Christen" genannt: zu allen Anlässen werden die Betroffenen gefahren. )))-: