Sonntag, 4. Mai 2014

Von wem uns das Alte Testament zeugt

O ihr - zu unverständig und trägherzig,
um alles zu glauben, was die Propheten geredet!
Mußte nicht eben das der Messias leiden,
um in seine Herrlichkeit zu kommen?
Und angefangen von Mose und allen Propheten
erklärte er ihnen, was in allen Schriften
über ihn steht.
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(Lk 24, 25-27)
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Im Anschluss an das Evangelium vom Emmausgang am Ostermontag gestand Eugenie (hier) ein, daß ihr in diesem Bericht etwas fehle, er sozusagen ein "Leck" habe und ob man nicht all die Passagen des Alten Testamentes zusammenstellen könne, auf die sich der auferstandene Kyrios hier bezogen haben könnte. Sie ahnte, daß damit nicht wenig Arbeit verbunden sei - das Gewünschte werde ich hier auch nicht beitragen können.
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Die Heilige Schrift des Alten Bundes nach irgendwelchen passenden Stellen und Versen abzufragen ... halte ich ohnehin nicht für einen angemessenen Weg - Gottes Wort ist kein Steinbruch, aus dem wir uns rasch zusammenklauben können, was uns gerade interessiert. Wer an die Heilige Schrift eine Frage hat, mag sie lesen und studieren, sich ggf. ein wenig begleitende Lektüre besorgen, sollte sich aber nicht mit einer "Blütenlese" bemerkenswerter Verse zufrieden geben.
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Nehmen wir nun an, man beginne sich mit dem Alten Testament zu beschäftigen. Eine Frage scheint mir in diesem Zusammenhang interessant - zumal sie uns vor lauter Selbstverständlichkeit vielleicht zu wenig ins Bewußtsein tritt: Warum sollen wir uns als Christen überhaupt mit dem Alten Testament beschäftigen? Warum tut es die Ekklesia? Nur aus Neugierde, woher unser eigener Glaube rühre? In welcher Umwelt er entstanden sei? Welche sozialen oder geschichtlichen Setzungen der Botschaft Jesu vorangegangen wären? Oder weil die Psalmen das Gebet bereicherten? Der Schöpfungsbericht unsere Existenz mit all ihrer Herrlichkeit und all ihren Gefährdungen deute usw.? Das ist alles interessant und gewiß nicht unwichtig. Aber wir lesen das Alte Testament vor allem (oder sollten es unter diesem Blickwinkel zumindest lesen), weil auch das Gesetz und auch die Propheten uns Christus verkündigen. Nicht in aufgezählten Verslein hier und ausgesiebten Passagen dort, sondern in der "Einheit" der Schrift - der Kirchenvater Origenes bringt das post Christum so auf den Punkt:
Nur für jene wird das Gesetz zu einem "Alten Testament", die es fleischlich verstehen wollen: für solche mußte es notwendig veralten und vergreisen, weil es (in sich) seine Kräfte nicht erhalten kann. Für uns aber, die wir es pneumatisch und dem Evangelium entsprechend verstehen und auslegen, ist es immer "neu". Beide Testamente sind uns "Neues" Testament, nicht hinsichtlich ihres Alters, sondern durch die Neuheit der Einsicht (In Num. hom. 9, 4 - zitiert nach: Synkletika Grün OSB: Psalmengebet im Lichte des Neuen Testamentes. Regensburg 1959. S. 63).
Wir sollen also das Alte Testament im Licht des Neues Testamentes lesen und uns der Mühe nicht versagen, in das Christuszeugnis seiner Bücher hinein zu horchen. Wenn wir Orientierung suchen: Diese finden wir zum Beispiel in der Liturgie - etwa wenn wir die Antiphon zum Introitus am heutigen zweiten Sonntag nach Ostern (Ps 32, 5 f.) lesen und uns fragen, ob dieser Text nur die Barmherzigkeit Gottes in seiner Schöpfung bezeugt oder zu uns auch von Christus spricht:
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Misericordia Domini plena est terra, 
alleluja:
verbo Domini cæli firmati sunt, 
alleluja, alleluja.
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Der Barmherzigkeit des Herrn ist voll die Erde, 
Alleluja:
durch den Logos des Herrn sind die Himmel bekräftigt. 
Alleluja, Alleluja!
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Hierbei ist es die Ekklesia, die in diesen Worten Christus, den Logos des Vaters, schaut und uns mit diesem Gesang an den Altar und damit zu Christus führt - die beiden Psalmverse erscheinen damit in einem neuen Licht, das über ein rein wörtliches Verständnis hinausstrahlt.
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Hierbei aber zeigt sich auch, wie wenig sinnvoll es ist, allein Verse, die Christus sozusagen "offenkundig" bezeugen, zusammen zu suchen. Gewiß - das Neue Testament stellt gelegentlich solche Bezüge her oder weist uns darauf hin (wenn zum Beispiel die Schriftgelehrten in Mt 2, 5 die drei Weisen unter Hinweis auf Mi 5, 1 nach Bethlehem schicken, Paulus in 1 Kor 10, 1-5 Ereignisse des Auszuges aus Ägypten im Blick auf das Erlösungswerk Christi deutet oder Christus selbst in Mt 11, 4f. seine Sendung vor den Jüngern des Johannes mit Berufung auf den Propheten Jesaja legitimiert). Die Ekklesia aber leitet uns an, nicht nur das "Offensichtliche" wahrzunehmen, sondern auch zwischen den Zeilen zu lesen - im Sinn eines pneumatischen Verständnisses, wie wir es gerade bei Origenes gehört haben.
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Immerhin aber lassen sich mit dem folgenden Zitat (Grün: Psalmengebet a.a.O. S. 69 f.) einige wichtige Grundlinien des Zeugnisses, welches uns das Alte Testament von Christus bietet, aufzeigen, und darum will ich es hier nicht unterschlagen:
Ausblicke von unermeßlicher Weite und Tiefe tun sich uns auf, wenn wir das Christusbild des Alten Bundes betrachten, das sich unter den Händen der heiligen Schriftsteller mit wachsendem Leben füllte; ließen sie doch die gott-menschliche Gestalt des Herrn in erleuchtetem Wort Zug um Zug immer deutlicher erstehen. Da steigt Christus auf als der Sproß des Weibes (vgl. Gen 3, 15), der Same Abrahams (vgl. Gen 22, 18), der "Stern aus Jakob" (vgl. Num 24, 17). Dieser Christus, "Davids Sohn" (vgl. 2 Sam 7, 12 ff.), ist das "Reis aus der Wurzel Jesse", auf dem das "siebenfältige Pneuma des Herrn" ruht (vgl. Is 11, 1 f.). Er ist der "Emmanuel" (Is 7, 14) und der "Mittler des Bundes" (Is 42, 6). Als "ein Hauch aus Gottes Kraft und ein lauterer Ausfluß aus der Herrlichkeit des Allerhöchsten", als des "ewigen Lichtes Abglanz, der ungetrübte Spiegel von Gottes Wirken und Abglanz seiner Güte" (Weis 7, 25 f.) ging Christus aus dem Schoße des Vaters hervor und wurde durch seine Geburt aus der Jungfrau zum "Zeichen in der Tiefe unten und oben in der Höhe" (vgl. Is 7, 11 ff.). Als das "große Licht" strahle er auf "in  der Finsternis" dieser Welt (vgl. Is 9, 1); und zugleich war er der Gottesknecht, der selbst "im Finstern wandelte und ohne Licht dahinging" (Is 50, 10), der aber im Mißerfolg all seiner Mühen "Erfolg hatte, emporstieg, sich erhob und gewaltig erhoben wurde" (vgl. Is 52, 13). Gott machte ihn zu seinem "Hirten", durch den und in dem er selbst seine Menschenherde weidet (vgl. Ez 34, 11-16; 23.31). Als "Mann der Schmerzen" ging er "wie ein Lamm zur Schlachtung" für uns; doch als er sich selbst als Schuldopfer dargebracht hatte, ließ "Gott seinen Willen gelingen durch ihn". Er gab ihm "die Vielen als Anteil"; "zahlreiche" durfte er "zu eigen empfangen dafür, daß er sein Leben zum Tode hingab" (vgl. Is 53). Die Kirche der Erlösten aber, die er in seinem Blute losgekauft hat, hört nun durch ihn vom Vater das Wort: "in ewiger Huld erbarm ich mich deiner ... Mögen die Berge weichen und wanken  die Hügel, so soll doch meine Liebe nicht weichen von dir, mein Heilsbund nicht wanken ... Dies ist das Erbe der Knechte des Herrn und ihr Segen von mir (Is 54, 8.10.17).

Kommentare:

Geistbraus hat gesagt…

Hat nicht auch der Hl. Bernhard von Clairvaux das Hohelied Vers für Vers im Lichte Christi ausgelegt? Dasselbe könnte man wohl für das gesamte Alte Testament tun...

Ja, es stimmt: das Alte Testament wird leider viel zu oft "für sich" genommen, ohne es durch das Evangelium zu lesen. Gerade bei sehr bekannten Stellen wie den Zehn Geboten fällt mir das immer wieder auf - da wird so getan, als seien die Zehn Gebote in der Form, wie sie im Pentateuch stehen, der Kern der christlichen Ethik... sind sie aber nicht: sondern nur in der radikalisierten und universalisierten Form, die Christus (v.a. im Doppelgebot der Liebe und in der Bergpredigt) ihnen gibt.

Tarquinius hat gesagt…

Vielen Dank für den interessanten Beitrag!
Nicht ohne Grund nennt Tertullian Christus den Illuminator antiquitatum. Und er selbst setzt voraus, dass wir die ganze Schrift pneumatisch lesen: "Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, dann wird er euch in die ganze Wahrheit führen." (Joh 16,13) Und dieser Geist ist dem Hausherrn gleich, der aus seinem Vorrat Altes und Neues hervorholt (Mt. 13,52).

Der Zisterzienserpater Augustinus Kurt Fenz drückt das sehr treffend aus: "Weil Gott unveränderlich ist, holt er zwar nur materiell Altes. Weil Gott stets gleich lebendig wirkt, bringt er immer wieder geistig Neues hervor."

Andreas hat gesagt…

Dsnke für die mannigfachen Bedenkens werten Rückmeldungen - ich denke, daß das Christuszeugnis des AT auch eine ganz eigene Facette zum Aufscheinen bringt, wenn wir hören, daß Christus nicht gekommen sei, um Gesetz und Propheten aufzulösen, sondern um sie zu erfüllen.