Donnerstag, 22. Mai 2014

Von der Theologie auf Knien

Nach der etwas unpässlichen Einleitung von gestern ... heute nun einige Gedanken von Hans Urs von Balthasar - diese scheinen mir fast schon vorgängige Variationen jener Aussagen von Papst Franziskus zu sein, in denen der Heilige Vater einer "Theologie mit einem offenen Geist und auf Knien" das Wort redet:
... Man kann zwar die Theologie nicht einfach auf einen praktischen kirchlichen Dienst an der Verkündigung einschränken, obwohl diese ministerielle Stellung dem Kirchenganzen gegenüber ihr eignet und sie keineswegs entehrt. Aber sie muss zugleich als ein meditativer Huldigungsakt an den Herrn der Kirche gewertet werden, gerade sofern sie sich nicht auf eine bloss praktische und transitiv wirkende Funktion festlegen lässt. Mit einem Teil ihrer selbst - jenem Teil, der das Hören und Meditieren des Gotteswortes fordert - gehört sie zur einzig notwendigen Tat Marias von Bethanien. Sie legt Rechenschaft ab über ihr Gehört- und Verstandenhaben. Die grösstmögliche Klarheit ihrer begrifflichen Ordnungen, vereint mit der grösstmöglichen Tiefe ihrer Intuition, ist, über alle kerygmatischen Absichten und Nötigungen hinaus, ein selbstzwecklicher, im Namen der Braut-Kirche vollzogener Adorationsakt vor Christus.
Die fordert eine grösstmögliche Öffnung der Theologie nach drei Seiten hin: existenziell zum Lebensvollzug des Gehörten und Verstandenen: allein der Heilige, welcher tut, was er denkt und einsieht, ist im Vollsinn christlicher Theologe. Ekklesiologisch zum Gesamtvollzug kirchlichen Denkens hin, auch wenn solche Entpersönlichung dem Einzelforscher einen asketischen Verzicht auf eigene Meinungen und Liebhabereien auferlegt. Meditativ zum Gesamtgebets- und Kontemplationsakt der betenden und betrachtenden Kirche hin, da technisch-begriffliche Theologie nur gedeihen kann auf dem mütterlichen Nährboden eigener Kontemplation, und die Übergänge zwischen beiden Formen (man denke an Augustinus, an die Viktoriner, überhaupt an das 12. Jahrhundert) fliessend sein und bleiben müssen.
Der Theologe kann sich deshalb um eine "schöne Gestalt" seiner Theologie bemühen, aber nicht, um in der Gestalt zu ruhen und zu solcher Ruhe zu verführen, sondern um sowohl der Kirche zu dienen wie ihrem Herrn zu huldigen. Alle theologische Gestalt reduziert sich doch, vermittelt durch das kanonische Bild der Schrift, auf die Gestalt des Herrn selbst.
Hans Urs von Balthasar: Herrlichkeit. Eine theologische Ästhetik. Erster Band: Schau der Gestalt. Einsiedeln 1961. S. 534 f.

Kommentare:

Tarquinius hat gesagt…

Puh, da musste ich das Gehörte schon drei mal gelesen haben, bis ich es verstanden habe. ;-)

Andreas hat gesagt…

Und das geht bei so manchem Batharsar'schem Text nicht nur dir so - härter aber deucht mich Rahner ... ;-)