Samstag, 31. Mai 2014

Mein Psalterium

Alte-Messe-Molche sind manchmal erstaunlich neugierig. Tarquinius etwa. Der betreibt seit einiger Zeit jenen blog mit dem hardcore-Titel Denzinger-Katholik (hier)benannt mithin nach jenem Grundstock kirchlicher Lehrdokumente, mit dem man jeden Häretiker buchstäblich und hinreichend erschlagen könnte, indem man zur schwergewichtig zweisprachigen Ausgabe greifen würde. Nun will, derweil ich derzeit in Erfahrung zu bringen suche, wer in der Blogozese welche Bibel warum auch immer präferiert, Tarquinius seinerseits wissen, wer welches Brevier oder welche Stundengebets-Ausgabe nutzt - eigene Präferenzen hat der Fragende bereits verraten (hier).
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Von diesen Büchern hat sich bei mir einiges angesammelt, in der Regel Ausgaben des Breviarium Romanum oder des Monasticum (allsamt benediktinischer Provenienz), mal in vier Bänden, wie es bis zur Brevierreform 1960 gängige Editionspraxis gewesen, mal in zwei Bänden, wie nach dieser Reform üblich, mal in einem Band. Wenn ich mit meinem Latein am Ende bin, kann ich zu zwei Übersetzungen greifen, die eine aus der Feder des schlesischen Erzpriesters Stanislaus Stephan, die andere - meist bekanntere - von Johannes Schenk. Und dann wäre da noch das zweisprachige Diurnale, das Pater Martin Ramm FSSP vor einer Weile herausgegeben hat. Aus Nachkonzilszeiten schließt sich ungefähr der Kreis mit der Liturgia horarum aus der vatikanischen Druckpresse. Die vielleicht schönste Edition in dieser kleinen Sammlung (bisschen Protz-Brevier in Sachen Umfang und Ausstattung) ist ein einbändiges Breviarium Monasticum von 1925 aus Belgien (Descleé), und wenn ich soviel von Herzen beten tät, wie sich da Breviere häufen mögen, wäre ich wahrscheinlich ein weit besserer Christ.
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Bete ich die eine oder andere Hore, so greife ich ganz überwiegend auf ein bei Pustet zu Beginn der 1960er-Jahre verlegtes Breviarium Romanum zurück - sozusagen "mein Gebetbuch" (also zugleich Sammelstelle diverser Andachtsbildchen). Auch hier liest das Auge mit - wobei mir der eher schlichte Buchschmuck (vgl. Bild ganz oben) besser gefällt als die historistisch anmutenden Schnörkelvignetten älterer Ausgaben. 
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Der Psalmtext folgt der 1945 unter Pius XII. veröffentlichten lateinischen Übersetzung, die nach dem Konzil freilich wieder von der Bildfläche und den Buchseiten verschwand. Dieses sogenannte Psalterium Pianum (auf dem seinerseits etwa der Deutsche Psalter von Romano Guardini beruht) stellte den Versuch dar, die Unzulänglichkeiten der bis dahin verwendeten Version (das Psalterium Gallicanum, welches im Römischen Stundengebet Verwendung fand) auszumerzen und dem Klerus einen - vom Päpstlichen Bibelinstitut erstellten - Text an die Hand zu geben, der sich unmittelbar am hebräischen Original orientierte. Pius XII. gab seinerzeit dieser neuen lateinischen Fassung ein Motu proprio mit auf den Weg: In cotidianis precibus - darin heißt es:
... Die Psalmen hat die lateinische Kirche von den griechischen Gläubigen übernommen und fast wörtlich aus dem Griechischen ins Lateinische übersetzt und dann im Laufe der Zeit wiederholt - besonders durch den heiligen Hieronymus (...) - sorgfältig verbessert und geglättet. Doch wurden durch diese Verbesserung die bekannten Mängel der griechischen Übersetzung, durch welche der Sinn und die Bedeutung des Urtextes nicht wenig verdunkelt wurde, nicht so behoben, daß die Psalmen allen und an allen Stellen leicht verständlich geworden wären. (...)
In neuerer Zeit erkannte man aber die Fehler und Dunkelheiten dieser Übersetzung (...) immer mehr, weil die Kenntnis der alten Sprachen, besonders der hebräischen, große Fortschritte machte, die Übersetzungskunst immer vollkommener wurde und die metrischen und rhythmischen Gesetze der orientalischen Sprachen gründlicher erforscht und die Normen der Textkritik klarer erfasst wurden. Dazu kommt, daß durch die vielen Psalmenübersetzungen in die modernen Sprachen, die bei den verschiedenen Völkern unter Gutheißung der Kirche aus dem Urtext hergestellt wurden, es allmählich immer mehr zutage tritt, wie jene Lieder in der Fassung der Muttersprache durch Klarheit, dichterische Anmut und reiche Belehrung sich auszeichnen.
Kein Wunder also, daß nicht wenige Priester, die das kirchliche Stundengebet nicht bloß aus Frömmigkeit, sondern mit vollem Verständnis verrichten wollen, den lobenswerten Wunsch aussprachen, für die tägliche Psalmlesung eine Übersetzung zu haben, welche den Sinn, der durch die Eingebung des Heiligen Geistes beabsichtigt ist, besser trifft ... 
Diese Neufassung ist ziemlich über das Ziel hinausgeschossen. Die ältere Übersetzung war im kirchlichen Leben - im Gebet, in der Lehre, im Schriftum - schlicht zu verankert und präsent, als daß sich auf Dauer ein völlig "neuer" Text hätte bewähren können. Nach dem Konzil kehrte man wieder zur älteren Fassung zurück und korrigierte dabei nur das Allernötigste.
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Zu jener Zeit, zu der ich mir dieses Brevier erstand, war freilich kaum ein Exemplar mit dem traditionellen Psalter zu bekommen, das den Reformen von 1960 entsprochen hätte. Bestensfalls ältere Breviere waren zu haben; mein leichter Hang zum Formalismus ließ mich zum Psalterium Pianum greifen - zwischenzeitlich ist es mir so vertraut und schätze ich all die von Pius XII. implizit genannten Vorzüge, daß ich nicht mehr umsatteln mag ...

Kommentare:

Tarquinius hat gesagt…

Ah, mein herzlicher Dank für die ausführliche Antwort auf meine geradezu inquisitorische Frage! Und natürlich die sehr amüsante Einleitung. ;-)

Wenn mir etwas an den späten Pustet-Ausgaben gefällt, dann ist es in jedem Fall der Buchschmuck. Mit denen der älteren Bücher kann ich auch sehr wenig anfangen.

Meine eigenen Breviere mit pianischem Psalter hatten noch die alten Rubriken - Pius XII. ließ seine eigene Brevierreform bekanntlich nie drucken - und so habe ich mich Tag für Tag durch das Stundengebet kämpfen müssen, um den piano-ioann'schen Forderungen zu entsprechen. (Don't say the Black, don't do the Red)
Inzwischen bete ich aber wieder weitestgehend nach den Vorgaben von Divino Afflatu.

Eugenie Roth hat gesagt…

Weißt du, welche lt. Übersetzung P. Ramm verwendet? Im Diurnale fehlt das J, im Schott, das ich in Wigratzbad gekauft habe, gibt's das J - im Lateinischen natürlich.
DANKE.

Andreas hat gesagt…

Dieses Diurnale greift auf das Psalterium Gallicanum zurück - mithin auf den vor 1945 üblichen Psalmtext (die Liturgia horarum folgt diesem ebenfalls, freilich zwischenzeitlich mit den oben erwähnten, eher sanften Korrekturen).

Andreas hat gesagt…

Divino Afflatu?

*vorsichhinträller*
Tarquinius ist ein Sedi.
Tarquinius ist ein Sedi.

;-)

Tarquinius hat gesagt…

Das sollte doch unser Geheimnis bleiben, jedenfalls bis zur Familiensynode... ;-)

Eugenie Roth hat gesagt…

@ Andreas mir als Garnichtswisser hat deine Antwort wenig geholfen. Ich gehe davon aus, dass P. Ramm die zuverlässigste der ihm vorliegenden Übersetzungen (ins Lateinische) ausgewählt hat. Und warum gibt's kein j (mehr?) Weiß da wer was? DANKE. Oder: was ist diesbezüglich wissenswert?

Andreas hat gesagt…

Eugenie, ich habe keine Ahnung, warum in den Büchern womöglich keine Jahresangaben drinstehen - wenn das Buch so aussieht, daß es vor 1945 erschienen sein könnte, dann ist die ganze normale, traditionelle, damals (und heute wieder in altrituellen Kreisen) übliche lateinische Version enthalten. Das ist auch beim Diurnale von P. Ramm der Fall, und das hätte man auch als "Garnichtwisser" aus dem Gesagten schlußfolgern können ... ;-)

Eugenie Roth hat gesagt…

... woher hätte ich wissen können, welches die traditionelle lateinische Rechtschreibung ist? (-; Merci ;-)