Freitag, 16. Mai 2014

Johannes Nepomuk und die Lust am Krawall

St. Johannes Nepomuk - auf
der Rheinbrücke zu Laufenburg
Tacui - ich habe geschwiegen. Die fünf Sterne, die das Haupt des hl. Johannes Nepomuk umkränzen, sollen auf jene fünf Buchstaben verweisen, die für den Heiligen quasi zum Todesurteil geworden seien, wie die Legende berichtet. König Wenzel IV. habe verlangt, der Priester möge verraten, was die Königin ihm in der Beichte vertraut habe. Johannes schwieg - und wurde auf Geheiß des Königs in der Moldau ertränkt. Fünf Lichter hätten den im Wasser treibenden Leichnam umflammt; fromme Deutung bezog dies auf die Verschwiegenheit des Priesters, der lieber den Tod erleiden wollte, als das Beichtgeheimnis preiszugeben: Tacui - ich habe geschwiegen.
.
Wir können uns am Starkmut dieses Heiligen gewiß freuen und diese Tugend zum Vorbild nehmen. Dies bietet nicht zuletzt den Vorteil, daß der Vorsatz allgemein genug gehalten ist, um - in der Regel jedenfalls -  in den Alltagsgeschäften unterzugehen. Vielleicht sollte ich nicht zu sehr von mir selbst auf andere schließen, aber womöglich gibt es hier auch den einen oder anderen, der das nun liest und aus eigenem Erleben weiß, was ich hier meine. 
.
Nutz und Frommen ließe sich der Nepomuk-Legende aber auch anderweitig abgewinnen: Indem wir weniger auf den Heiligen schauen, dafür aber auf dessen Peiniger. In uns allen steckt zuweilen ein kleiner Wenzel; dann nämlich, wenn wir nach den Verfehlungen unserer Nächsten gieren und genau wissen mögen, wer sich wo und wann und wie und unter welchen Umständen daneben benommen habe.
.
Diese Neu-Gier mag sich auch in einer, sagen wir: "tendenziösen" Lektüre bestimmter offizieller (oder inoffizieller) katholischer Nachrichtenseiten manifestieren. Dabei spielt es kaum eine Rolle, aus welcher Ecke man das anstellt, ob man sich eher auf Verfehlungen von Amtsträgern kapriziert oder lieber an den Kommentaren eines traditional trash erregt, um sich hier wie da ein Feindbild zu bestätigen. Der heilige Thomas von Aquin hat einen schicken Namen für die benannte Geisteshaltung und all ihre unzähligen Varianten: curiositas.
.
Das heißt nun nicht, daß man alles schlucken muß, was in diesen Tagen kirchlich aus dem Ruder zu laufen droht. Es gibt die Notwendigkeit, die Stimme zu erheben, es gibt die Situationen, wo sich der verzehrende Eifer für das Haus des Herrn Bahn brechen muß. Die Frage ist nur: Welche Beweggründe stecken dahinter? Ist es ein echtes sentire cum ecclesia, im konkreten Fall also ein Mitleiden an den zeitlichen Anfechtungen der streitenden Ekklesia? Oder steckt eher die Lust am Krawall dahinter, verbunden mit der blendenden Möglichkeit, sich als der "bessere" Katholik profilieren zu können?
.
Im Zweifelfall mag ein Blick auf den Gekreuzigten helfen, wie ihn der heilige Johannes Nepomuk in seinen vielen Bildern, die an unseren Brücken wachen, tut. Seine Fürsprache helfe uns, das Geheimnis Christi lauter in unseren Herzen zu wahren ... ora pro nobis!

Kommentare:

remmimartin hat gesagt…

Habe heute auch schon an den Nepomuk gedacht und werde ihn am Nachmittag an einer Brücke nicht weit von mir besuchen. Werde Ihre Gedanken mitnehmen. Schweigen ist Gold und sicherlich schwieriger hinzubekommen als zu reden. Aber im Schweigen und in der Stille wohnt Gott. Krawall ist des Bösen Aufenthalt.

Andreas hat gesagt…

Wobei einem manchmal der Krawall von außen geradezu aufgezwungen scheint ... und es schwer ist, die Zügel dann nicht durchgehen zu lassen.

viasvitae hat gesagt…

Ein sehr guter Beitrag, vielen Dank dafür! Vor allem die Erweiterung der Perspektive auf Wenzel IV., der hin und wieder auch in uns steckt, fand ich wirklich sehr passend und inspirierend.

Andreas hat gesagt…

Vielen Dank für die nette Rückmeldung, die mich zugleich auf ein interessantes neues Blogprojekt hat stoßen lassen - Willkommen in der Blogozese!

viasvitae hat gesagt…

Dankeschön!