Freitag, 23. Mai 2014

"Ich nehme dich dennoch beim Wort" - über Fridolin Stier

Über die Namen der Dinge hinaus.
über die Sprache hinaus,
über die Wissenschaft hinaus,
über die Begriff hinaus -
in die FREMDE,
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wie Abraham, dem geheißen war: "Ziehe fort aus deiner Heimat, fort aus deiner Stadt, fort aus dem Haus deines Vaters, fort ... und geh in das Land, das ich dich schauen lassen will ..."
Geh, verlaß die Heimat, die Welt, darin du geboren bist, darin du dich eingerichtet hast - das Haus voll von den Namen der Dinge, die um dich sind, laß alles, was dir die Sprache über sie vorspricht, laß auch alles, was dir die Wissenschaft über sie zu wissen gibt, laß auch die Begriffe, mit denen du nach den Dingen greifst -
laß dieses Haus hinter dir, geh! Dann wirst du, vielleicht wirst du dann dem Anderen begegnen, für das du weder Namen noch Wissen noch Begriffe hast, dem ur- und ingründig Wirklichen und Wirkenden begegnen. Du wirst "schauen" ...
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Und wenn du dann in das Land Chaldäa, in das Haus deines Vaters und deiner Mutter und deiner Brüder zurückkehrst, du wirst zurückkehren,
dann werden dich die Namen an das Namenlose,
die Sprache an das Unaussprechliche,
das Wissen an das Unwißbare, 
die Begriffe an das Unbegreifliche erinnern,
dann wird noch ein anderes in deinem Hause wohnen - das Andere, das Fremde, das - Mysterium.
Dann ist kein Ding mehr, was es dir zuvor gewesen, ein jedes, eins um das andere, wird dir einen Namen sagen, den du nicht nachsprechen kannst.
Und dann wird dir, vielleicht wird dir dann aus allem und jedem, das um dich ist, das Unnennbare erscheinen, 
und du wirst jene Stimme hören, die du noch nie gehört, sehr nah und gewaltig wirst du sie hören rufen:
ICH BIN DA!
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Dieser Text, den man vor allem hören sollte und darob sich selbst laut vorlesen, stammt aus den Aufzeichnungen von Fridolin Stier (1902-1981), erschienen unter dem Titel Vielleicht ist irgendwo Tag. Es sind persönliche Zeugnisse, Tagebuchfragmente sozusagen eines Priesters und Exegeten, eines Grüblers, eines Übersetzers der Heiligen Schrift, Gründers des Katholischen Bibelwerks und ... Vaters einer Tochter - Notate einer immer wieder erschütterten Seele, auf Drängen seiner Freunde wenige Wochen vor seinem Tod veröffentlicht.
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Stier begegnete mir erstmals vor vielen Jahren, als ich seine Übersetzung des Neuen Testaments in die Finger bekam. Nun wußte ich zu dieser Zeit bereits, daß Drewermann Stiers Arbeit irgendwo empfohlen hatte, dies aber war für mich Grund genug, diesem Text mehr ein Naserümpfen als ehrliche Aufmerksamkeit zu widmen, sintemal dies eine jener "nachkonziliaren" Bibeln war, die den Glauben verdürben und in denen der Engel in Lk 1, 28 Unsere Liebe Frau nicht "voll der Gnade" heiße, sondern nur mit "Begnadete" anredete - für so etwas hatte ein traditionalistischer Jungspund nur eines übrig: eine ins Verachtende hinüber näselnde Mißgunst. Stier übersetzt übrigens "Hochbegnadete", aber das nur nachzuschlagen erübrigte sich damals ohnehin.
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Vor einiger Zeit kam mir das Buch wieder entgegen, wohlfeil und gebraucht im Diakonie-Laden; diesmal habe ich es mitgenommen. Stiers Fassung des Neuen Testments scheint etwas eigenwillig, nicht allein, weil der Übersetzer möglichst nahe am griechischen Original bleiben möchte, sondern weil er über eine streng wörtliche Übersetzung hinaus auch das deutsche Wort befragt, ob es in seiner Wörtlichkeit wirklich die Tiefe des Gesagten erfasse und welche Alternative(n) beim Gebot einer engen Bindung an das Original in Frage käme(n). Stier kämpft mit dem Text - nicht von ungefähr ist er zu Lebzeiten damit nicht fertig geworden. Das Neue Testament "Übersetzt von Fridolin Stier" (München/Düsseldorf 1989) wurde aus Blättern, Notizen, Versuchen und Korrekturen herausgegeben, die Stier - nur das Evangelium nach Markus lag in einer "fertigen" Version vor - hinterlassen hatte.
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Heute schätze ich diesen Text mit seinen vielen Kanten, seinen sprachlichen Anwürfen, seiner Direktheit - schon allein, weil es kein Schaden ist, Gott abseits vieler und häufig viel zu vertrauter Wendungen und Formulierungen zuzuhören. Kennt man einen Text - oder glaubt man, ihn zu kennen -, dann besteht die Gefahr, daß man mit der Zeit nicht mehr richtig hinhört. Die Bibel aber legt es nicht darauf an, uns in erster Linie Geschichten über Jesus zu erzählen, die sich irgendwann vor 2000 Jahren einmal ereignet haben; sie spricht das Wort des Kyrios in unseren Alltag hinein, in unsere Leben heute. Wir sollen dieses Wort immer wieder neu hören - und es mag in diesem Zusammenhang eine bemerkenswerte Beobachtung sein, daß wir es oftmals wieder "neu" hören, wenn wir vom Leben geschüttelt werden, derweil es zuvor im Alltags irgendwie unterging.
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Quasi als Rechenschaft über seine Übersetzungsarbeit läßt sich vielleicht eine Notiz Stiers vom April 1970 verstehen:
Dem Nazarener zu Hilfe kommen, ihn aus den Geröllhalden des über ihn Geredeten und Geschriebenen herausbaggern, ihn herausziehen aus dem Schwemmsand der erbaulichen Sprache, (...) um ihn kat'idian, abseits zu führen, wo er Aug' in Aug' mit seinen Jüngern spricht ... Was nicht in ihm war, sich den Menschen bequem zu machen, seine Gläubigen haben es besorgt. Gingen nicht schon die Evangelien daran, dem Grenzensprenger Grenzen zu setzen, den nicht Ergreifbaren in Griff zu nehmen? Aber noch lebt in ihnen der Unbewältigte ...
Dennoch - traditionsfroh, wie man nun einmal ist, muß man sich einige unbequeme Fakten aus dem Weg räumen: Etwa einen Bruch in Stiers priesterlicher Biographie, ich hatte es bereits angedeutet - Stier verlor 1952 seinen Lehrstuhl für Altes Testament in Tübingen, nachdem er sich zu (s)einer Tochter bekannt hatte; nicht im Sinn einer Rebellion gegen den Zölibat, sondern aus Verantwortung der Mutter und dem Kind gegenüber. Stier steht sozusagen in einer Reihe mit weiteren Priesterpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts, die vielleicht gerade deswegen in ihrem Priestertum scheiterten oder zu scheitern drohten, weil sie die Kluft zwischen ihrem geistlichen Leben und den äußeren Anforderungen und Erwartungen eines - ja auch zeitgebundenen - priesterlichen Alltags nicht oder kaum überbrücken konnten; ich denke da etwa an Joseph Bernhard oder Otto Karrer.
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Zurück zu Stier: Auch seine ungeschönten privaten Aufzeichnungen, sein intimes Ringen mit Gott - ob der Welt und dem vielgestaltigen Leid der Kreaturen - können sauer aufstoßen, liest man sie nicht als wahrlich un-verblümte, ehrliche Auseinandersetzungen mit Gottes Wort und Verheißung. Eine Auseinandersetzung, in deren Rahmen sich Stier mit - teils existenziell erfahrenen - Widersprüchlichkeiten konfrontiert sah, die er nicht für sich und nicht für andere durch frommes oder gelehrtes Zureden glätten konnte:
In deiner Finsternis, Herr, - oder ist es dein blendendes Licht? - tappen meine Gedanken herum, und ihr Gebet klingt wie Lästerung. Erlaß mir die Prozedur, einen theologisch disziplinierten Theodizee-Gott aus der Schlinge ... zu ziehen. Ich habe es ja mit dir, nicht mit einer Denkpuppe zu tun. Kant war wohl näher bei dir, als er schrieb, ich weiß nicht mehr wo: Jeder Versuch, Gott zu rechtfertigen, ist "schlimmer als die Anklage". Soll ich also schweigen, weil auch die Anklage schon "schlimm" genug ist?
Was soll ich von deinen und deines Sohnes großen Worten halten? "Kein Spatz fällt zur Erde ohne den Willen eures Vaters?" - also: kein Auto schleudert und kracht an einen Baum, ohne ... [Stier spielt hier auf den tödlichen Unfall seiner Tochter an].
Gibt mir dieses Wort, wenn ich es wörtlich nehme, das Vollkorn deiner Wahrheit? Aber da sind sie schon, deine wackeren Verteidiger, um mich zu belehren, man brauche "ein Körnchen Salz" zum Verständnis dieses Wortes, das als "Hyperbolismus", als rhetorisch übertreibende Rede zu erklären sei. Was bleibt mir noch an Wahrheit übrig? Wie Salzsäure wirkt, zersetzend dein Wort, das hermeneutische granum salis. Ich aber, ich nehme dich dennoch beim Wort. 

Kommentare:

Ankerperlenfrau hat gesagt…

Chapeau, Andreas!
Fridolin Stier ist für mich ein wichtiger Wegweiser in meiner Glaubensgeschichte gewesen. Ich fand sein Buch seinerzeit in Tübingen auf einem Wühltisch. Gleich auf den ersten Seiten der Tod der Katze mit dem Aufschrei eines Hiob. Ich weiß noch genau, wie ich Gänsehaut hatte und dieser Text mich unweigerlich hineinzog. Da war ein tief frommer Priester und wahrer Gottsucher so unverblümt wahrhaftig, daß es zeitweise schmerzte.
Er hat mir ultimativ einige Bretter vorm Kopf weggeschlagen und dafür werde ich ihm ewig dankbar sein.
Zu seiner Übersetzung des Neuen Testaments habe ich allertiefstes Vertrauen. Es begleitet mich seither.

Er gehörte auch zum Umfeld von Weiger und Guardini und hat als Dekan dafür gesorgt, daß Josef Weiger den Ehrendoktor der Tübinger Katholischen Fakultät erhielt.
Martin Buber ging bei ihm ein und aus...
Schön, wie Du berichtest, daß ideologische Verbohrtheit einen von solchen Kostbarkeiten abhalten kann. Möge Gott uns immer wieder die "Ohren putzen" und uns vor Blindheit bewahren.

Herzliche Grüße,
A.

Andreas hat gesagt…

Mille grazie ... aber schließe nicht von jenem jungen Schnösel auf alle "Tradis" :-)

Tarquinius hat gesagt…

Nach diesem Lobpreis muss ich mir Stiers Übersetzung doch auch mal besorgen.

Und was die Schnöseligkeit angeht...ich kenne da ja noch so jemanden. ;-)

Andreas hat gesagt…

Ja ja ... ich kann mich auch daran erinnern, wie ich - noch ein Stück früher - einer Religionslehrerin argumentativ mit einem triumphalen Verweis auf einen Konzilstext zu begegnen suchte. Das stünde ja "sogar in Lumen genitum"! Peinlich ...

Tarquinius hat gesagt…

... und wenn es da schon steht! ;-)

Mir bzw. meiner Umgebung wäre sicher auch einiges erspart geblieben, hätte ich in etwas jüngeren Jahren offenere Ohren und einen geschlosseneren Mund gehabt. (Nicht, dass es da nicht immer noch gewisse Mängel gäbe *hust*)
Sicher kann man auch sagen, dass sich die Polemiken der hell-katholischen Seite manchmal nicht auf einem höheren Niveau befinden. Guten Rat hätte ich an qualifizierter Stelle sogar finden können, aber ich wollte ihn vermutlich gar nicht und hätte ihn auch womöglich noch nicht verstanden. Und so ist aus dem Übel meines spätpubertären Stolzes im Lager der pauci superorthodoxi doch noch ein größeres Gut erwachsen. So wirkt Gott - Deo gratias!

Andreas hat gesagt…

Auch ja, die andere Seite, unsere progressiven Freunde, wo auch allzuoft gelten mag: Si tacuisses ...

Ein seltsamer Trost, ein Freibrief aber keineswegs! ;-)