Sonntag, 11. Mai 2014

Durchforschet die Schriften!

Das Osterlamm - Spolie vom ursprünglichen Mutterhaus der
Vinzentinnerinnen zu Freiburg vor der Mutterhauskirche
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Manchmal ist Bloggen ganz einfach: Man macht ein Faß auf, schreibt selbst etwas dazu, schmückt sich danach mit fremden Federn und stellt irgendwann fest, daß man dies alles den Lesern fast als "Themenwoche" auf Auge drücken hätte können. So ging das nun mit der Frage, wie sich die Schrift des Alten Bundes zu unserem Glauben verhalte, genauer: inwiefern uns "die Schrift" Christus verkündige. Einige Texte von Odo Casel OSB (hier), Wilhelm Vischer (hier und hier) und Gerhard von Rad (hier) haben verschiedene Facetten dieser Frage beleuchtet und wollten auch ein wenig anregen, die jeweils ausgelegten Spuren aufzunehmen. Fehlt nun eine kleine Abrundung ...
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Vischer gibt auf den ersten Seiten seines bereits herangezogenen Buches Das Christuszeugnis des Alten Testaments eine schöne Zusammenfassung des Themas, wenn er schreibt:
Den beiden Hauptwörtern des christlichen Bekenntnisses "Jesus ist Christus", dem Eigennamen "Jesus" und dem Berufsnamen "Christus", entsprechen die beiden Teile der heiligen Schrift: das Neue und das Alte Testament. Das Alte Testament sagt, was der Christus ist, das Neue wer er ist, und zwar so, daß deutlich wird: nur der kennt Jesus, der ihn als den Christus erkennt, und nur der weiß, was der Christus ist, der weiß, daß er Jesus ist. So deuten die beiden Testamente, von Einem Geiste durchhaucht, gegenseitig aufeinander, "und ist kein Wort im Neuen Testament, das nicht hinter sich sähe in das Alte, darinnen es zuvor vorkundigt ist" [Martin Luther: Predigt über Joh 1, 1-14 in der Kirchenpostille von 1522]; wie  auch alle Worte des Alten Testaments über sich selbst hinausweisen in das Neue auf den Einen hin, in dem allein sie wahr sind (Vischer, Christuszeugnis, (6) 1943, S. 7).
"... in dem allein sie wahr sind" - erst in Christus erschließt sich uns also das Verständnis der Schrift des Alten Bundes, finden deren Worte zu ihrem letzten Sinn, zu ihrer tiefsten, eigentlichen und gültigen Aussage. 
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Was könnte das nun für einen Satz bedeuten, wie wir ihn in der Bergpredigt hören ... "Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz oder die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen um aufzuheben, sondern um zu erfüllen" (Mt 5, 17)? Es ist, denke ich, nicht uninteressant, dies und die unmittelbar darauf folgenden Verse unter dem Aspekt dieser Erfüllung zu bedenken. Was etwa hat es mit diesem Gesetz, von dem ja "nicht ein Jota oder ein Häkchen" dahin gegeben werden soll, letztlich auf sich? Was bedeutet es im Letzten, Tiefsten, Eigentlichen - sprich: In Christus, so denn gilt: "Wenn eure Gerechtigkeit die der Schriftgelehrten und Pharisäer nicht weit übersteigt - nimmermehr kommt ihr ins Königtum der Himmel hinein" (Mt 5, 20)? Was - oder besser: wer ist denn unsere Gerechtigkeit?
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Scrutamini scripturas ... "Durchforschet die Schriften!" (Joh 5, 39 Vulg).

Kommentare:

Tarquinius hat gesagt…

"Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?" (Lk 7,20)
Da er der ist, der kommen sollte, konnte er in seinem Kommen die Schrift nicht aufheben, sondern nur erfüllen. Und arbeitet Gott nicht immer so? Unsere Menschennatur wird auch nicht aufgehoben, sondern durch Gnade erhoben, zum neuen Leben erfüllt...


Diesen Beitrag nenne ich mal eine gelungene Abrundung!

Eine kleine Anmerkung dazu, obgleich der ganze Text natürlich bereits diesen Geist atmet: Die Durchforschung der Schriften kann ja keine Archivarbeit, sondern muss lectio divina sein. Sonst fehlt uns eben jener Geist der Wahrheit, den uns der Christus versprach, denn "der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern" (Joh 14,26).

Andreas hat gesagt…

Quam diligo legem tuam, Domine! toto die meditatio mea est ... (oder, unserer Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit geschuldet: sit).

Besten Dank für die liebe Rückmeldung!