Freitag, 9. Mai 2014

Das Buch einer ins Ungeheure anwachsenden Erwartung

So ist die Geschichte des Jahweglaubens charakterisiert durch immer neue Zäsuren, durch immer neue Einbrüche von göttlichen Setzungen, durch Neubeginne, die in traditionsgeschichtlicher Hinsicht neue Perioden einleiten. Aber kaum, nachdem sich Israel darauf eingerichtet hat, wird es durch den Hinweis auf neue Taten aufgeschreckt und aus Vorstellungen, in denen es sich gerade eingelebt hatte, wieder herausgeführt. Das rückt noch einmal die völlige Andersartigkeit Israels gegenüber den religiösen Vorstellungen des Alten Orients ins Bewußtsein. Während man in Ägypten oder Babylon nach allen Störungen, an denen es auch nicht gefehlt hat, kein anderes Heil kannte, als daß die Dinge wieder zu jenem uralten sakralen Ordnungen zurückkehrten, die im Mythus und im Turnus der Feste ihren Ausdruck fanden, insistiert Israel immer auf dem Einmaligen. So hat derjenige, der die großen Zusammenhänge überschaut, wirklich den Eindruck von etwas Ruhelosem, von einer großen Wanderschaft des Volkes, und im Blick auf seine fortgesetzten Aufbrüche in immer neue religiöse Vorstellungen den von einer Fremdlingschaft Israels in der Zeit (...).
Aber gerade in dieser Konzentration auf das Einmalige der jeweiligen Neuansätze spricht sich der Jahweglauben in gesteigerter Form aus. Jahwes Bund mit den Erzvätern, die Offenbarung seines Namens, das Passahgeschehen, das Schilfmeerwunder, der Bundesschluß am Sinai, die Erwählung Sauls, die Gründung des Zion, der Bund mit David, der Einzug Jahwes mit seiner Lade in den Tempel, - das sind doch alles Aufbrüche Israels in eine neue Form seiner Existenz, und sie enthielten alle schon im Ansatz weittragende göttliche Zusagen.
Einige aber wurden (...) von der Weissagung der Propheten als die Urbilder ungeheurer Weissagungen in die Zukunft hinaus projiziert. So mußte die Erwartung Israels immer neu auffächern. Es ist erstaunlich, zu sehen, wie Israel keine Zusage zu Boden fallen und damit die Zusagen Jahwes ins Ungemessene wachsen ließ, wie es ohne jede Sorge um die Grenze der göttlichen Erfüllungsmöglichkeiten alles bisher Unerfüllte weitergab, um es dem Debet seines Gottes zuzuschlagen. 
Aber auch die Werke, die wirklich keinerlei eschatologische Erwartungen enthalten, wie etwa das deuteronomistische Geschichtswerk oder das Buch Hiob, haben doch auch etwas rätselhaft über sich Hinausweisendes. War denn der unendliche Aufwand an Heilssetzungen in der Königsgeschichte, dieser Aufwand an Führungen und Strafen damit gerechtfertigt, daß am letzten Ende ein armer König seine Gefangenenkleider ausziehen und sich als Vasallenkönig an den Tisch des babylonischen Königs setzen durfte (2. Kön. 25, 27 ff.)? War denn das Ungeheure, das zwischen Hiob und Gott zum Austrag kommen wollte, damit erledigt, daß der Empörer von Gott zum Schweigen gebracht wurde und daß ein alter Mann Kinder und Herden wiedererstattet bekam? (...)
Nein, das Alte Testament kann nicht anders denn als das Buch einer ins Ungeheure anwachsenden Erwartung gelesen werden ...
Gerhard von Rad: Theologie des Alten Testaments. Band II. Die Theologie der prophetischen Überlieferung Israels. München (4) 1960. S. 340 f.

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