Montag, 5. Mai 2014

... daß in der Schrift des Alten Bundes das Mysterium Christi verborgen ist

Odo Casel OSB
... Der verklärte Kyrios also, der im Gegensatz zu dem Buchstaben des Alten Testamentes das belebende Pneuma ist, ist der wahre Schlüssel zum Verständnis des Alten Testamentes. Sobald man diesen Schlüssel in der Hand hat, verliert das Alte Testament den Charakter des Veralteten, ist nicht mehr Buchstabe und nicht mehr "Alter Bund", sondern wird zur Offenbarung Christi und damit zu einem Eigentum des Neuen Bundes. Streng genommen sollte also der Christ gar nicht mehr von dem "Alten Testament" sprechen, sondern höchstens von der "Schrift des Alten Bundes", die genau wie das Neue Testament von Christus kündet. Das Neue Testament spricht ja am liebsten vom Alten Testament als der "Schrift", während das Neue Testament das "Evangelium" ist, das heißt die Frohbotschaft, von dem in der Schrift verheißenen und jetzt erschienenen Heiland.
Die ganze Schrifterklärung der Kirchenväter beruht auf dem Grundgesetz, daß in der Schrift des Alten Bundes das Mysterium Christi verborgen ist und den Gläubigen strahlend aufgeht. Man kann mit Recht sagen, daß der Alte Bund uns die Gottheit Christi lehrt und der Neue Bund uns gezeigt hat, daß der Mensch Jesus dieser Christus ist. Wie sehr der Glaube an die Gottheit Christi zusammenhängt mit der pneumatischen Erklärung des Alten Testaments, hat schon Origenes in seiner grundlegenden Abhandlung über die Schriftdeutung in den "Grundlehren" richtig hervorgehoben, indem er sagt:
"Da wir also in Kürze die Gottheit Jesu beweisen und die prophetischen Aussprüche über ihn benutzen, so zeigen wir damit zugleich, daß die prophetisch von ihm sprechenden Schriften von Gott inspiriert sind ... Wir müssen sagen, daß der gotterfüllte Charakter der prophetischen Aussprüche und der pneumatische des Gesetzes des Moses aufgeleuchtet sind, nachdem Jesus im Fleische erschienen ist. Vor der Erscheinung Christi war es nicht gut möglich, deutliche Beweise dafür zu bringen, daß die alten Schriften von Gott inspiriert waren; die Erscheinung Jesu aber erwies ganz klar, daß das Gesetz und die Propheten, von denen man vorher noch argwöhnen konnte, daß sie nicht göttlich seien, sondern vielmehr durch göttliche Gnade aufgeschrieben worden sind. Wer mit Sorgfalt und Achtsamkeit die prophetischen Aussprüche liest, der erfährt durch das Leben selbst eine göttliche Begeisterung, und eben durch diese Erfahrung wird er überzeugt werden, daß die uns anvertrauten Worte Gottes nicht Schriften von Menschen sind. Das im Gesetz des Moses verborgene Licht, das unter einer Hülle lag, leuchtete auf mit der Erscheinung Jesu, da die Hülle weggenommen wurde und da jene Güter, von denen der Buchstabe nur einen Schatten enthielt, nunmehr schnell von uns erkannt wurden" (De principiis IV 1, 6).
Insbesondere in den Psalmen fand die alte Kirche das Christusmysterium. So sagt der heilige Ambrosius in seiner Explanatio Psalmorum duodecim (I 8):
"Was soll ich von der Kraft der Prophetie sagen? ... In den Psalmen wird Jesus nicht nur für uns geboren, sondern er nimmt auch jene heilbringende Passion seines Leibes auf sich, liegt in der Grabesruhe, steht auf, steigt zum Himmel empor, sitzt zur Rechten des Vaters. Was kein Mensch zu sagen gewagt hätte, das hat dieser Prophet allein verkündet; später hat es Christus selbst im Evangelium gepredigt".
Und Nicetas von Remesiana sagt in dem Buch über den Nutzen der Hymnen (VI): "(In den Psalmen) werden Christi Mysterien besungen" ...
Odo Casel OSB: Das Alte Testament in der Liturgie. In: Mysterium der Ekklesia. Von der Gemeinschaft aller Erlösten in Christus Jesus. Mainz 1961. S. 258 ff.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Das sind sehr treffende und hoch aktuelle Aussagen von Casel. DAnke für die Bereitstellung! - Heute herrschen in der Theologie/Exegese immer noch die alten aufklärerischen Tendenzen, das AT nicht auf das NT hin zu öffnen, und umgekehrt das NT in sich zu lesen und nicht vom AT her. So verdunkelt man das Christusmysterium von beiden Seiten. - Ach hätten wir dabeisein können bei dieser Predigt Jesu nach Emmaus - wir wären von dieser pneumatischen Schriftauslegung ebenso brennenden Herzens geworden :-)

remmimartin hat gesagt…

Anonym war ich. hab es irgendwie nicht hinbekommen, unter Blogadresse zu kommentieren. :-( Danke für Veröffentlichung.

Andreas hat gesagt…

Freundliche Kommentare sind immer willkommen - wenn ich natürlich weiß, daß sie von interessanten Mitbloggern rühren, dann umso mehr ... :-)