Mittwoch, 28. Mai 2014

Abwesenheiten

Aus den Schriften von Reinhold Schneider ... das Fest, vorab bemerkt, der Himmelfahrt des Kyrios birgt, bei aller Freude, die in der Erfüllung und den Verheißungen dieses Tages liegen, stets ein gewisses Moment des Abwesend-Werdens und der Trauer. Was nun aber, darüber hinaus gedacht, wenn wir Christus in unserem Leben abwesend sein lassen - ihm die Tür weisen - ihn aus unserem Leben stürzen? Oder wenn ihm Europa die Tür weist? Schneiders knapper Essay kam mir heute Abend eher zufällig in die Finger - der Hintergrund zu den folgenden Gedanken liegt "im flandrischen Aufruhr des Jahres 1566":
... Eine Macht brach in das geschichtliche Leben ein, deren Herkunft im Dunkel lag. Aber vielleicht verriet sich diese Herkunft, als die Aufrührer sich auch an einer mächtigen alten Kreuzigungsgruppe vergriffen und das mittlere Kreuz umstürzten, während sie die Kreuze der Schächer stehen ließen; die Kirchenschänder zerschlugen das göttliche Bild, das ihnen entgegen war, und schonten die Bilder der Schächer, in denen sie Abbilder ihres eigenen Wesens sehen mochten.
So entstand dieses Sinnbild, das der Menschengeist vielleicht nicht hätte ersinnen können: die Schächer ohne den Herrn. Eine furchtbare Lücke klaffte zwischen den beiden Kreuzen; nun war auch der Reumütige verloren, dem der Herr das Paradies verheißen hatte; denn der Herr, der ihn dahin führen wollte, war ihm entrissen. Und in welcher Verlorenheit stand das Kreuz des Lästerers! Der Mittler war verschwunden, die Mitte war leer; vergebens blickte der eine zur Höhe, kehrte sich der andere verkrampften Leibes zur Erde. Wie die Erlösten, so sollen auch die Verdammten in der Ordnung Gottes stehen, in deren Bereich auch die Hölle liegt; nun aber gab es keinen Ort mehr und keine Ordnung, die ja allein von der Beziehung auf den Herrn bestimmt werden konnte.
Die Kreuze standen in einer grundlosen Nacht, standen im reinen Nichts; denn nicht in Gottes Himmel schaute der eine hinauf, nicht auf Gottes Erde starrte der andere hinab; die ganze Welt lag in der Nacht, aus der entseelte, kalte Sterne blickten; sie war nicht mehr als ein rätselhaftes Etwas im leeren Raum; und über diese Welt und ihre Verwirrung und ihren Brandschein waren die beiden Schächer erhoben, die beide getäuscht worden waren. Der Hoffnung des einen wie der Lästerung des anderen antwortete das vollkommene Schweigen. Sinnlos waren die so spät erwachte Reue und Hoffnung, sinnlos war auch der Hohn; niemand hörte auf diese Stimmen zwischen Himmel und Erde, und da das Ja niemenden mehr fand, an den es sich wenden konnte, so war auch das Nein gleich einem nie gesprochenen Wort. Denn der Empörer, eben indem er sich empört, bezeigt eine über ihm waltende Macht; wenn diese Macht nicht mehr wäre, welchen Sinn hätte dann die Empörung? Und wenn Gott nicht ist, wie leer wäre das Pathos der Gottesleugner!
Der Wahn wäre um vieles törichter, als ihnen der Glaube zu sein scheint ...
 Reinhold Schneider: Die Schächer ohne den Herrn. In: Macht und Gnade. Gestalten, Bilder und Werte in der Geschichte. München - Zürich 1964. S. 202 f.

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