Mittwoch, 2. April 2014

Gotteslob - mein erster Eindruck

Heute lungerte ich eine Weile in der Thalia-Buchhandlung herum, um mir das neue Gotteslob etwas genauer zu Gemüt zu führen; gekauft habe ich es erstmal nicht, da ich mit dem Buch selbst wenig zu schaffen habe und in den Kirchen bald genug Exemplare herumliegen dürften. Für einen Alte-Messe-Molch ist das Gotteslob schließlich nicht unbedingt das Referenzbuch. In Basel nutzen wir einen traditionsfrohen Gebet- und Liederrattenschwanz ("Salve Regina" geheißen), in den nicht minder traditionsfrohe Zeitgenossen gewiß eine Menge Arbeit investiert hatten und den ich trotzdem nicht ausstehen kann - mit teils dämlichen Text- und/oder Melodiefassungen. Wenn wir schon gerade beim Nachbarland sind: Das neue Gotteslob scheint mir um Klassen besser als das vor einigen Jahren in der Deutschschweiz eingeführte Kirchengesangbuch.
.
Die Freiburger Ausgabe ist derzeit in blau, rot und schwarz zu haben (die Kirchenexemplare sind grau) und verzichtet auf jede weitere Einbandgestaltung, mithin auch auf das umstrittene "Logo". Neben den Büchern wurden bei Thalia diverse Hüllen mit einem klassischen Kreuz oder dem Ichthys-Symbol (Fisch) feilgehalten.
.
Nicht zuletzt auf facebook wurde der Einband und die enthaltenen Strichzeichnungen in letzter Zeit mehrfach thematisiert. Ich gestehe: Mir gefällt weder das eine noch das andere. Das "Logo" ist mir schlicht zu beliebig; schön, wenn andere alles Mögliche drin erblicken können und sich an allerhand erinnert fühlen - vom Kreuz bzw. dem anverwandten griechischen Buchstaben tau über ein Oster- oder Dreifaltigkeits-Icon bis hin zum Lebensbaum oder auch Adobe-Logo bzw. der Werbe-Ikonographie eines bestimmten Abführmittels reichen offenkundig die Assoziationen. 
.
Gerade das breite Spektrum (im weitesten Sinn) religiöser Deutungsmuster mündet jedoch in jene Unverbindlichkeit, die häufig auch die Verkündigung hierzulande prägt: Wer keinen Zugang mehr hat zum klaren Wort vom Kreuz, der kann in der Linienführung ja den auferstandenen Kyrios erkennen; wer aber bei der Osterbotschaft "mit Haut und Knochen" Probleme hat, der mag das als Dreifaltigkeitsbild auslegen; und wer die Dreifaltigkeit als unjesuanisch-spätantike Konzepttheologie verwirft, der kann darin ein Zeichen für Gemeinde und Gemeinschaft herauslesen - jeder, wie und was er mag und denkt und glaubt. Man könnte es auch so sagen: Wenn die künstlerische Aussageweise unterm Strich mehr Widerspruch erntet als das Auszusagende (ja was denn eigentlich?) selbst, dann ist der Wurm drin. Aber vielleicht sind das ja auch einfach nur ein paar Würmer, die den Einband zieren. Wer will das schon sicher wissen?
.
Deswegen kommentierte ich dieser Tage irgendwo einen leicht mit den Zähnen knirschenden facebook-Beitrag, ob es nicht größere Probleme in der Kirche gäbe als die Gotteslob-Gestaltung, sinngemäß so, daß man eben jenes "Logo" auch als Symptom einiger dieser Probleme begreifen könne und sich von daher Widerstand rege.
.
Zu den Strichzeichnungen im Buch wiederhole ich einfach einen weiteren facebook-Kommentar, denn ich kürzlich abgesetzt habe:
Die Gestaltung soll offenbar ein starkes kommunikatives Moment beinhalten und möglichst nicht "nur" dekorativ sein. Soweit - sogut. Wäre es dann nicht angemessen, eine Gestaltung zu suchen, die einen guten Teil der Nutzer nicht gleich vor den Kopf stößt und ratlos läßt? Ja ... Kunst soll zum Nachdenken verführen ... aber leider ist dieser Satz auch schon totgeritten, weil er immer herangezogen wird, will man Sperriges an den Mann bringen - sei es nun ein großer Wurf oder der letzte Mist. Irgendwann aber bildet sich jeder in der Beliebigkeit all dieser Angebote eigene Kategorien heraus, was er als großen Wurf oder als Mist betrachtet ... entsprechend fallen auch hier die Reaktionen aus, zumal das Buch den Glaubensweg begleiten soll und damit eine spezifische Art der Leserbindung generiert.
Der erste Eindruck der reichen Liedauswahl ist positiv - selbst Alte-Messe-Molche wie meinereiner mögen das ein oder andere Neue Geistliche Liedgut und freuen sich, wenn es Aufnahme fand. Die Auswahl an eucharistischen Gesängen ist im Stammteil hingegen fürchterlich gering; zum Glück reicht der Freiburger Anhang einige Lieder nach. Gut finde ich auch, daß man die unseligen Meßlieder-Reihen aufgebrochen hat; faule Zelebranten und einfallslose Kirchenmusiker werden sich künftig vielleicht doch etwas sorgsamer bei der Liedwahl zeigen müssen, wenn das Programm nicht mehr vorgekaut abgerufen werden kann.

Die angebotenen Gebetstexte habe ich noch nicht näher in Augenschein genommen. Aufgefallen ist mir, daß im Bereich der Bittgebete ausgerechnet Hartmut von Hentig als Übersetzer (?) eines Textes genannt wird, den ich bislang als "Gebet der anonymen Alkoholiker" kannte. Der 68er-Pädagoge ist im Umfeld der Mißbräuche rund um die Odenwald-Schule schließlich nicht gerade rühmlich aufgefallen; man hätte gewiß auch auf eine Übersetzung anderer Provenienz zurückgreifen können, wenn man auf den Text schon nicht verzichten wollte. 
.
In manchen traditionsfrohen Stellungnahmen wird die Zeitgeistigkeit der Gebetstexte kritisiert; dazu sage vorerst nichts, denn einerseits habe ich mir diese noch nicht genau angeschaut, andererseits schleppt auch das traditionsfrohe Lager viel zeitgeistiges Gebetsmaterial mit sich herum - mit dem kleinen Unterschied, daß dessen Zeit bereits vor, grob geschätzt, rund 100 Jahren abgelaufen ist. Mir selbst fiel später nur noch ein, daß ich vor einiger Zeit eine Kostprobe der Kreuzwegandacht anders einschätzte als etwa die Piusbruderschaft ... vgl. hier.

Kommentare:

Sursum corda hat gesagt…

Paderborn ist ja seit fast 200 Jahren eine Hochburg der "Singmesse". Uns fehlen daher die Meßliedreihen ganz schmerzlich, zumal sie jetzt auch im Anhang nicht mehr zusammenhängend sind. Die Lieder sind noch da, aber über hunderte von Seiten verstreut. Ich finde, daß man zumindest die Schubert-Messe und die Haydn-Messe (Hier liegt vor deiner Majestät) als geschlossene Messreihe abdrucken sollte. Ach ja: Wie schon anno 75, ist die Majestätsmesse wieder mal nicht in den Paderborner Anhang gekommen. Damit fehlt den Dörflern weiter ihre wichtigste Singmesse. Weiter geht der Zettelbehelf...

http://windlichthalter.wordpress.com hat gesagt…

Andreas, das Herumlungern bei Thalia hat sich gelohnt - einige sehr gute Beobachtungen zum neuen Gotteslob bzw. der Kritik daran. Der Freiburger/Rottenburger-Anhang holt tatsächlich manches von dem nach, was der Stammteil vermissen läßt, z.B.: das weggefallene Michaelslied (899)wichtige komplette Andachten (Herrentag, Pfingstnovene, Marienandacht+Weihe) ab 920).Dazu Neuaufnahme von traditionellem ('Dem Herzen Jesu singe' 826) wie NGL ('Meine Zeit steht in deinen Händen 841).
Was Sie bzgl. künstlerische Gestaltung zum breiten Spektrum an Deutungsmustern, Unverbindlichkeit etc. sagen, ist freilich das Prinzip hinter dem ganzen Unternehmen 'Neues Gotteslob': Es spiegelt einen Pluralismus der Kirche wider, der oft widersprüchlich nebeneinander steht und eigentlich nicht mehr zu miteiander zu vereinbaren ist.
Ich habe vor, in nächster Zeit einmal etwas zu Lehre/Frömmigkeit von Eucharistie und Maria im neuen Gotteslob zu schreiben. Das bereitet mir nämlich größere Sorge.

Andreas hat gesagt…

Nun ja, ich bin zwar kein allzu großer Freund der teutschen Mess-Singerey ;-) ... aber die Gram-, Schmerz- und Staubmessen sollte man in der Tat nicht zerrupfen, sondern am Stück belassen (quasi als die berühmten Ausnahmen, welche die Regel bestätigen). Und wenn die Haydn-Messe Traditionsgut ist, und sei auch nur auf dem Lande, dann gehört das natürlich ins Gesangbuch rein.

Andreas hat gesagt…

Das Michaelslied im hiesigen Anhang ist mir auch positiv aufgefallen, die Frage nach dem Pluralismus in der Kirche (im neuen Gotteslob, wie auch ich nun festzustellen glaubte, kaum zu übersehen) ist eine hochspannende Frage - da freue ich mich schon auf die angekündigten Ausführungen!

Arminius hat gesagt…

Meine erste schmerzhafte Begegnung mit dem neuen Gotteslob hatte ich am vergangenen Sonntag während einer Sakramentsandacht:
Wo früher das Tantum Ergo Sacramentum gesungen wurde, ertönte eine völlig entstellte Melodie zu dem vertrauten Text. Was soll denn das schon wieder?

Andreas hat gesagt…

Ich habe mir das Buch zwischenzeitlich doch gekauft ... also unter 495 f. finden sich die beiden Fassungen, die bisher schon üblich waren, jeweils mit derselben bekannten Melodie - deutsch und lateinisch. Davor findet sich der gesamte Hymnus dt. und lt. mit der gregorianischen Melodie. Weitere Varianten bietet der Stammteil nicht; es könnte eine Eigenmächtigkeit der Organisten sein, wenn er auf eine andere Melodie zurückgegriffen hat.

Freilich sind hie und da (inoffiziell) noch weitere Melodien in Gebrauch, auf die man vor dem Konzil ebenfalls das Tantum ergo gesungen hatte - sehr verbreitet war früher zum Beispiel auch die Version von Franz Xaver Witt.