Samstag, 1. März 2014

Abrahams Engel

Das Opfer Abrahams - Münster St. Fridolin,
Bad Säckingen

Seit Beginn der Vorfastenzeit führt uns die betende Ekklesia durch die ersten Kapitel der Genesis, von der Erschaffung der Welt bis zu den Tagen Abrahams. Vor allem die Magnificat-Antiphonen der jeweils ersten Vesper vom Sonntag ziehen in drei Bildern heilsgeschichtlich relevante Momente zusammen: eine konzentrierte Exposition zum Drama rund um Gott und Mensch, welches uns die Fasten- und Passionszeit vergegenwärtigen wird und dessen Lösung wir hernach im Triumph des siegreichen Kyrios über Schuld und Tod feiern. Bislang wurde uns in den besagten Antiphonen der drohende Sündenfall vor Augen geführt (Septuagesima), danach Noah, die nahende Flut und die rettende Arche (Sexagesima); an diesem Sonntag Quinquagesima richtet sich nun der Blick auf das Opfer unseres Patriarchen Abraham:
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Pater fidei nostræ Abraham summus,
obtulit holocaustum 
super altare pro filio.
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Abraham, unseres Glaubens hoher Vater,
brachte ein Brandopfer dar
auf dem Altar anstelle seines Sohnes.
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Wir kennen die Geschichte aus dem 22. Kapitel der Genesis. Bemerkenswert finde ich daran nicht zuletzt die Frage, wer der Engel eigentlich sei, der Abraham davon abhält, seinen Sohn Isaak zu opfern. Seine Rede scheint mehr als nur Sprechen in der Autorität Gottes zu sein:
Da rief ihm der Engel des Herrn vom Himmel her und sprach: Abraham! Abraham! (...) Leg deine Hand nicht an den Knaben! Tu ihm nichts! Jetzt weiß ich: du bist gottesfürchtig; du verweigerst mir ja selbst deinen Lieblingssohn nicht (Gen 22, 10).
Und:
Der Engel des Herrn rief Abraham ein zweites Mal vom Himmel her und sprach: Ich schwöre bei mir, ein Spruch des Herrn: Weil du dies getan und deinen Lieblingssohn mir nicht verweigert hast, so segne ich dich und deinen Stamm mache ich so zahlreich wie des Himmels Sterne und den Sand am Meeresufer. Und dein Stamm soll seiner Feinde Tor erobern. Der Erde Völker alle sollen sich mit deinem Stamme segnen zum Lohn dafür, daß du auf meine Stimme gehört! (Gen 22, 15-18).
Fast gewinnt man den Eindruck, dieser Engel sei mehr Botschaft als Bote, und eigentlich sei es Gott selbst, der hier unmittelbar zu Abraham spricht und an Abraham handelt. Mich erinnert dies an einen weiteren Engel, den die Theologen auch nicht recht einzuordnen wissen und verschieden deuten - es handele sich um einen eigentlichen Engel des Opfers oder aber um Christus selbst: Er begegnet uns im Canon Romanus, dem eucharistischen Hochgebet, und betritt bald nach dem Gedächtnis der Opfer Abels, Abrahams und Melchisedechs den Schauplatz der heiligen Liturgie:
Demütig bitten wir dich, allmächtiger Gott, Dein heiliger Engel trage dieses Opfer zu deinem himmlischen Altar empor vor das Angesicht deiner göttlichen Majestät ...
Ich glaube, der Engel im Canon Romanus ist der gleiche Engel, der uns bereits beim Opfer Abrahams begegnet - und damit wäre er übrigens auch jener Engel, der die Einheit der irdischen und der himmlischen Liturgie bezeugt, indem er die Verbindung zwischen der eucharistischen Mysterienfeier hier und der im fünften Kapitel der Offenbarung beschriebenen Liturgie bezeichnet, indem er das Opfer des Neuen Bundes emporträgt "auf den himmlischen Altar" des Lammes vor das Angesicht Gottes, wie er einst bereits das Opfer Abrahams emporgetragen hatte und die Verheißung hernieder brachte.