Montag, 17. Februar 2014

"Euch näher als je!"

Zum Ende dieses Tages soll Romano Guardini noch selbst zu Wort kommen - mit einigen die kleine Schrift Den Menschen erkennt nur, wer von Gott weiß abschließenden Gedanken, die uns in der Verworrenheit und im Niedergang unserer Zeit Mut zusprechen könnten:
Aus dem Leben der ägyptischen Wüsteneinsiedler wird erzählt, wie einer nach langer Prüfung der Ferne fragt: "Herr, wo warst Du doch in der schrecklichen Zeit?" Gott aber antwortet: "Dir näher als je!".
Immer ist Er nahe, seiend an der Wurzel unseres Seins, redend in der Tiefe unseres Gewissens. Doch es ist offenbar so, daß wir unser Verhältnis zu Gott zwischen den Polen der Ferne und der Nähe erleben sollen. Durch die Nähe werden wir gestärkt, durch die Ferne geprüft. Wenn Gottes Nähe sich zu fühlen gibt, ist es leicht, gläubig zu sein; ist Er aber fern, dann wird es Zeit für den nackten Glauben, der nichts hat als das Wort: "Ich lasse Dich nicht!"
Mit der großen Geschichte ist es nicht anders. In früheren Zeiten war, so scheint es, die Welt von Gott voll. Nicht, daß die Menschen besonders gut gewesen wären; es hat Unrecht und Sünde gegeben wie heute. Trotzdem war wohl etwas anders: das Gute ist aus der Nähe Gottes heraus geschehen, und das Böse wider diese Nähe, und deswegen waren auch Umkehr und Buße so tief. Im Lauf der Zeit wird aber das Herz immer kühler. Die Welt wird immer voller von Sachen; die Stunde bedrängt von immer heftigerem Geschehen - das Dasein aber in seiner Tiefe wird immer leerer. So leer, daß Einer, der gescheit war wie wenige und im Innersten verworren wie kaum einer sonst, erklären konnte, Gott "sei tot". Ein furchtbares Wort! Wie es meistens nachgesagt wird, ist es ja nur Gerede; der es aber zuerst gesagt hat, hat damit das Gefühl der Gottesleere, des Alleinseins im Ganz-Fremden ausgesprochen. Daraus hätte in ihm, der ja doch die Offenbarung vernommen hatte, die Treue gegen den fernen Gott hervorgehen können; er hat aber die Weise seines Fühlens mit Wirklichkeit gleichgesetzt und gesagt, Gott sei nicht mehr.
Nun spricht die halbe Welt es ihm nach. Wenn aber einmal die Zeit kommt - und sie wird kommen, nachdem die Dunkelheit durchgestanden ist - und der Mensch Gott fragt: "Herr, wo warst Du doch damals?", dann wird er wieder die Antwort vernehmen: "Euch näher als je!" Vielleicht ist Gott unserer frostigen Zeit näher als dem Barock mit der Pracht seiner Kirchen, dem Mittelalter mit der Fülle seiner Symbole, dem frühen Christentum mit seinem jungen Todesmut; nur empfinden wir es nicht. Er aber erwartet, daß wir nicht sagen: "wir fühlen keine Nähe, also ist kein Gott" - sondern daß wir Ihm durch die Ferne hin die Treue halten. Daraus könnte ein Glaube erwachsen, nicht weniger gültig, ja reiner vielleicht, härter jedenfalls, als er in den Zeiten des inneren Reichtums je gewesen ist.
Romano Guardini: Den Menschen erkennt nur, wer von Gott weiß in: Die Annahme seiner selbst / Den Menschen erkennt nur, wer von Gott weiß. Mainz 1987. S. 75 ff.

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