Dienstag, 25. Februar 2014

Der Grenzbaum

Odo Casel OSB
Das Kreuz aber ist Grenzbaum; es steht dort, wo das irdische Leben aufhört, wo es scheinbar in den Tod hinübergeht, in das dunkle Tor, wohin unser irdisches Auge nicht reicht. Nur der Glaube an Gottes Barmherzigkeit gibt uns den Mut, diesen Weg, der scheinbar zum Tode führt, zu gehen. Wer diesen Glauben nicht hat, wer nicht weiß, daß hinter dem Tor ein anderes Leben beginnt, der bleibt lieber zurück und tanzt um den irdischen Lebensbaum, bis die Schlange herauszüngelt und ihn mit tödlichem Giftbiß verwundet.
Wer aber in blindem Vertrauen, im Gehorsam und in Hingabe der Liebe den Grenzbaum sucht, wer die Schwelle des Todes bereitwillig überschreitet, der kommt in das Land des wahren Lebens, des göttlichen, aionischen, nie aufhörenden Lebens. Ihm wird der Weg zum Lebensbaume freigegeben; der darf offen hinzutreten und die Frucht ergreifen, die ihm Anteil am Leben des wahren und lebendigen Gottes gibt, des deus vivus verus sanctus. Der allein immer lebende, der allein wirkliche, der allein heilige, von den Sündern durch die Unendlichkeit getrennte und abgesonderte Gott gibt uns sterblichen und sündigen Schattengeschöpfen Anteil an seinem ewig seienden Leben, seiner allein feststehenden Wirklichkeit und Wahrheit, seiner unendlich strahlenden und reinen Heiligkeit. Alles das aber durch das Kreuz ...
Odo Casel OSB: Der neue Baum des Lebens in: Mysterium des Kreuzes. Paderborn o.J. S. 49 f.

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