Mittwoch, 15. Januar 2014

Warum wir "Tradis" so einseitig sind

Etwas zum Thema "Tradis" ... die seien doch irgendwie ganz fürchterlich einseitige Katholiken, oft auf Krawall gebürstet, ausdauernd auf liturgische Fragen fixiert und sozial wenig engagiert, vom Einsatz gegen Abtreibung einmal abgesehen.
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Wer nun ein solcher "Tradi" ist, sich aber noch nie mit diesem Argument aus der Trickkiste reformfreudigerer Mitchristen konfrontiert sah, der mag sich selig preisen. Alle anderen mögen zu Trost und Stärkung das hier lesen - und gerne auf die aktuelle Situation anwenden ... an Häresien und Häretikern mangelt es in diesen Tagen ja wahrlich nicht ...
Gewiß ist ein Korn Wahrheit auch in dem Gedanken, den wir uns oft sagen, vielleicht zu oft sagen, daß Schisma, Häresie und Abfall die Kirche reinigen.
"Reinigen"? Vor rund 80 Jahren konnte man sich wahrscheinlich kaum vorstellen, wie viele Häretiker sich heute in der Katholischen Kirche in Deutschland herumtreiben und von der Kirche auch noch dafür bezahlt werden, aber das ist ein anderes Thema. Also weiter: 
Aber diese traurigen Vorkommnisse haben auch ein ganz großes Übel im Gefolge: das Gefühl der Unsicherheit in der Seele mancher Gläubigen.
Wie wahr, wie wahr!
Ferner, und dies wird jeder Theologe zugeben, verliert durch diese Kämpfe mit der Häresie die katholische Lehre etwas von ihrer ausgeglichenen Harmonie. Denn wir haben jetzt in der Mühe des Kampfes und der Abwehr einseitig starkes Gewicht auf eine Wahrheit zu legen, beinahe bis zum Ausschluß anderer nicht weniger wichtiger Wahrheiten. Eine Häresie ist gewöhnlich die Leugnung einer bestimmten Glaubenswahrheit. Der Verteidiger des bedrohten Glaubenssatzes sieht sich infolgedessen gezwungen, der Verteidigung dieser bedrohten Stelle alle Aufmerksamkeit zuzuwenden, beinahe unter Vernachlässigung anderer Punkte. Ein bedeutender Teil der katholischen Glaubenslehre ist dann nicht mehr in ihren Gesamtverhältnissen gesehen, wenn natürlich auch die Lehre als solche durchaus wahr und rechtgläubig bleibt. Genau wie im Kriege, wo die rasch und unregelmäßig aufgeworfenen Schützengräben im Augenblick für das Leben der Kämpfenden eine größere Bedeutung gewinnen als alte, starke Städte im Hinterland.
Ansgar Vornier OSB: Klassischer Katholizismus. Freiburg 1933. S. 2.

1 Kommentar:

martina hat gesagt…

Sehr interessant! Katholizismus hat die Harmonie verloren, genau wie im Krieg: Heresien sind wie Bomben die aufplatzen!