Montag, 20. Januar 2014

Herold ohne Schutz und Wehr

Der heilige Martyrer Sebastian - Augustiner-Museum, Freiburg
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Einen "Herold ohne Schutz und Wehr" nannte der Dichter Reinhold Schneider den heiligen Martyrer Sebastian, dessen die Ekklesia heute festlich gedenkt, in einem seiner Sonette. Als ich gestern überlegt hatte, wie ich diesem Heiligen Referenz erweisen könnte (Alte-Messe-und-Waffen-Molche müssen den Patronus des Schützenwesens angemessen feiern!), kam mir Schneiders Dichtung in den Sinn  - und also kramte ich das Archiv nach einem schönen Bild dazu durch. Da Sankt Sebastian ein recht populärer Heiliger ist, herrscht in den Kirchen hierzulande kein Mangel an entsprechenden Gemälden und Statuen - Photos davon kann man genug schießen, entsprechend groß war die Auswahl.
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Die obige Darstellung befindet sich heute im Freiburger Augustiner-Museum - leider habe ich keine Angaben dazu notiert. Schneiders Wort vom "Herold ohne Schutz und Wehr" scheint mir jedenfalls in keiner meiner Aufnahmen besser illustriert. In weiteren Punkten setzt die Skulptur freilich andere Akzente als Schneiders Sonett:
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Hören wir im Gedicht Sebastian als einen Gefesselten, so scheint er uns im Bild aus der Marterkulisse heraus frei entgegen zu treten. Auch "drückt die Schmach" hier nicht mehr, "die Pfeile brennen" nicht weiter - jedenfalls sind keine (mehr?) zu sehen -, der Todesstreich scheint bereits vollbracht: Das Bild zeigt uns den Heiligen als Sieger in der Nachfolge und in der Vereinigung mit dem Kyrios durch das Opfer des eigenen Lebens. 
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Vielleicht könnte man sagen: Der Bildhauer ist noch einen Schritt weiter gegangen als der Dichter - aus der Not des Martyriums hinaus in die Herrlichkeit des in Christus vollendeten Menschen. 
"Ich seh' sein Reich in heiliger Ferne tagen" legt Schneider Sebastian auf die Lippen. Und was der Poet ... oder vielleicht besser: Aber was das Poet in seiner Quintessenz bereits deutlich erahnt, bricht sich im Bild triumphal eine Bahn: "Wo seine Zeugen sterben, ist sein Reich". 
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Würden die dürren Äste, welche den Heiligen hinterfangen, nicht den Baum andeuten, an welchem Sebastian gemäß der Überlieferung gemartert worden ist, ich würde das Bildwerk für eine Darstellung des auferstandenen Christus halten, dem irgendwann die Siegesfahne abhanden gekommen sein mag: "Ich werde nicht sterben, sondern leben, und verkünden die Taten des Herrn" (Ps 117, 17) spricht uns dieser Herold zu - und es möge sich das österliche Psalmwort an uns erfüllen, dazu helfe uns Sankt Sebastian mit seiner Fürsprache ... ora pro nobis!
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St. Sebastian
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Die Fessel löst sich nicht. Ich muß ertragen.
Doch steh' ich nicht im irdischen Streite mehr.
Ein andrer König rief mich in sein Heer
Und gab mir Macht, der Erde zu entsagen.
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Ich seh' sein Reich in heiliger Ferne tagen
Und bin sein Herold ohne Schutz und Wehr.
Schwer drückt die Schmach, und das Gebet drückt schwer
Um derer Frieden, die mir Wunden schlagen.
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Doch bin ich's kaum mehr, den die Pfeile brennen
Und den das Seil umschnürt. Ein andrer beugt
In mir sich schützend unterm Todesstreich.
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Mit allen Wunden will ich ihn bekennen,
Der Leidens stummes Bild, das ihn bezeugt.
Wo seine Zeugen sterben, ist sein Reich.
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Reinhold Schneider: Die Sonette von Leben und Zeit, dem Glauben und der Geschichte. Köln und Olten 1954. S. 104.

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