Dienstag, 14. Januar 2014

Eine Pastoral, welche die Sünde nicht mehr kennt

Ist es bereits ein Ausweis von "Homophobie", wenn ein offenkundig frühpubertierender Jugendlicher zwei Mitschüler beim Duschen photographiert und das Bild mit der Bemerkung "Schwule Schwuchteln beim Duschen" auf Facebook einstellt? Für Pater Klaus Mertes SJ scheint der Fall klar: Aufgrund solcher Vorfälle, die sich tausendfach in deutschen Schulen zutrügen, sei es notwendig, das Thema Homosexualität im Unterricht zu behandeln. Wer im geschilderten Fall keine "Homophobie" erkennen könne, lebe an der gesellschaftlichen Realität vorbei, fügt der Jesuit und Rektor des Kollegs St. Blasien vorsorglich hinzu.
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Was bin ich froh, daß selbst ich der Sache einen homophoben Beigeschmack nicht absprechen mag; schließlich ist eine despektierliche Bezeichnung für homosexuelle Menschen mit im Spiel. Allerdings beschleicht mich der Verdacht, Pater Mertes’ Verdikt, es lebe an der gesellschaftlichen Realitäten vorbei, wer das anders sehe als er, soll sein Argument auch vor jenen schützen, die es recht schwach finden. Also zum Beispiel vor mir.
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Keine Frage – solche Vorfälle gibt es mehr als genug. Nur steckt dahinter meines Ermessens keineswegs "Homophobie" als eines der tragenden Deutungskonzepte, die jeder hat, um die Welt zu unterscheiden, sondern schlicht schlechte Erziehung. Also: Man photographiert nicht Mitschüler in der Dusche. Man stellt solche Bilder alsdann nicht ins Internet. Und man schreibt auch keine beleidigenden Kommentare dazu, egal, welche Minderheit dabei den Kopf hinhalten muß. Liegt das Problem somit nicht ganz woanders? Die von Pater Mertes ausgemachte "Homophobie" ist bestenfalls ein Nebenschauplatz. Um solche Flegeleien auszutreiben, bedarf es jedenfalls keiner schulisch breit angelegten "Homophobie"-Therapie, zumal es – gerade im Bereich bösartiger Agitation und Gewaltausübung entlang des Internets und sozialer Netzwerke – durchaus schlimmere Phänomene gibt. Die sind auch gesellschaftliche Realität, und man kann nur hoffen, daß daran vor lauter aufgeblasenen anderen Problemen nicht vorbeigelebt wird.
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Das war aber nur das Warm-up. Als nächstes nimmt sich Pater Mertes die Online-Petition gegen die Pläne der baden-württembergischen Landesregierung zur Brust, die er, taktisch geschickt, in die Nähe von „Hetzparolen und diffamierenden Blog-Einträgen“ rückt. So hätte er sich gewünscht, die Kirchen hätten diese Position etwas kritischer unter die Lupe genommen, ehe sie sich positionierten, "damit sich auch diejenigen Katholiken und Protestanten repräsentiert fühlen, die bei diesem Thema nicht nach HB-Männchen-Manier sofort in die Luft gehen". 
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Ich bin auch nicht mit allen Phänomen und Abgründen glücklich, die sich bei der gesellschaftlichen Diskussion rund um dieses Thema auftun. Aber ich bin froh, daß es diese Petition überhaupt gibt und sie reichlich Anklang findet. Und ich bin noch viel froher, daß Kirchenleute recht rasch den Mut gefunden haben, relativ eindeutig für das Anliegen dieser Petition Position zu beziehen.
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Hingegen misstraue ich zwischenzeitlich so reformfreudig gestimmten Geistern wie Pater Mertes gewaltig, wenn sie sich einen kritischeren Blickwinkel wünschen. Dieser steht in gewissen Kreisen doch stets dann hoch im Kurs, wenn eine Verzögerungstaktik sinnvoll scheint, um unliebsame Meinungen nach und nach unschädlich zu machen. Da wird ein Thema durch zwanzig Räte und zehn Gremien so lange weggekaut und wieder hochgewürgt, bis alles von möglichst Vielen (Keineswegs von Allen! Nur von den Richtigen!) kritisch beäugt werden konnte, um am Ende einen schleimigen Kompromiss zur Welt zu bringen, in dem sich alle repräsentiert sehen sollen (bis auf die, die man sowieso lieber los wäre) und der vor allem dem Zeitgeist keinen nennenswerten Widerstand mehr leistet.
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Ganz in diesem Sinne fährt P. Mertes dann auch fort: "Und natürlich hat es nichts mit Homophobie zu tun, wenn man einige Punkte des vorgelegten Bildungsplans 2015 kritisch sieht. Darüber wird in Ruhe zu reden sein". Und während in Ruhe geredet wird, schaffen andere Fakten. Ich will nicht über einige Punkte reden, wenn mir die ganze Richtung nicht behagt, und eine solche Fundamentalopposition muß auch ein Pater Mertes aushalten können, ohne diffamierend zu werden. Wenn wir gerade dabei sind: Es geht eben nicht um einige Punkte, die man kritisch sehen könnte. Es geht darum, daß dieses ganze gesellschaftliche Umbauprojekt der rot-grünen Sozialingenieure endlich einen Dämpfer bekommt, daß ein Stoppschild eingerammt wird.
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Mitnichten handelt es sich nämlich bei besagtem Vorhaben der baden-württembergischen Landesregierung um ein Projekt, welches isoliert betrachtet werden könnte. Es schließt an die Unterminierung der naturrechtlichen Grundlage en gros und der Familie en detail an, also an die Schleifung zweier Grundfesten der Gesellschaftsordnung, ein Vorgang, dessen Zeuge wir seit annähernd 40 Jahren sind. Und es ist - Wetten daß? - auch nur eine weitere Station auf dem Weg der Zerschlagung unter Mithilfe einer zunehmend aggressiv eingesetzten Gender-Ideologie, deren letzter Streich der Plan im Ländle gewiß nicht sein wird.
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Glaubt zum Beispiel wirklich jemand, homosexuelle Lobbygruppen würden an den geöffneten Schultoren vorbeigehen? Auf kurz oder lang wird sich ein entsprechendes "Beratungsangebot" herausbilden, "pädagogisch qualifiziert" versteht sich (zum Teil bestehen bereits heute entsprechende Initiativen), unter Umständen alimentiert aus Fördertöpfen der Öffentlichen Hand. Auf kurz oder lang wird entsprechendes "Unterrichtsmaterial" erstellt (und man erahnt aus dem, was heute bereits in Umlauf ist, eine noch weiter gehende Sexualisierung der Kinder). Auf kurz oder lang wird das Alter der zu erfassenden Kinder immer tiefer herabgesetzt (um "Homophobie" bereits in der Krippe zu ersticken). Auf kurz oder lang sind Kinder so weit "aufgeklärt", daß es keines Schutzalters mehr bedarf, denn Sex mit Kindern könne schließlich unterschiedliche Formen annehmen, von denen einige dann auch "einvernehmlich" sein könnten. Letzteres Szenario - natürlich keineswegs nur homosexuell indiziert - scheint gewiß heute noch unvorstellbar, ist aber nicht meine Erfindung (leider weiß ich nicht mehr, wo ich diese Einschätzung aufgeschnappt habe, manche Sachen sollte man wirklich archivieren); ohnehin aber ist zwischenzeitlich im Namen der "sexuellen Befreiung" schon viel möglich geworden, was früheren Generationen Alpträume bereitet hätte. 
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Wohlgemerkt: Früher - ehe man mir vorwirft, ein an der Realität vorbeilebender Nostalgiker zu sein - war gewiß nicht alles besser. Aber heute ist manches schlechter. Früher wurde zum Beispiel auch abgetrieben. Die Umstände waren schrecklich genug, um das Angebot der "Engelmacherinnen" nicht leichtfertig in Anspruch zu nehmen, und das mag man nun so oder so sehen. Vor allem aber kann kaum übersehen werden: Man kam früher nicht auf den Gedanken, das Töten eines Kindes im Mutterleib als "Menschenrecht" deklarieren zu wollen.
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Zurück zu Pater Mertes: Er manövriert alsdann mit dem "christlichen Menschenbild" herum. Nur geht es nicht darum, einem homosexuellen Menschen die Gottesebenbildlichkeit abzusprechen, wie Pater Mertes das unterstellt. Gerade wenn ich vom christlichen Begriff der Gottesebenbildlichkeit ausgehe, muß es das Ziel sein, dem praktizierenden homosexuellen Menschen mit Respekt und in Liebe zu helfen, seine Existenz dieser Gottesebenbildlichkeit wieder anzunähern und die Sünde, die uns alle von Gott entfernt oder ganz trennt, zu überwinden. Das ist der missionarische Dienst, welcher der Ekklesia aufgetragen ist: Die Menschen zu Gott zu führen, damit wir alle, ob homosexuell oder heterosexuell oder bisexuell oder was auch immer, seinem Bild mehr und mehr ähnlich werden. Jeder hat seine eigenen Schwächen, keiner kann sich rühmen, besser zu sein oder heiliger oder frömmer als der andere. Die Herzen kennt nur Gott. Wir haben aber wenigstens einen Überblick über all das, was uns von Gott trennen kann und trennt. Und daraus gilt es Konsequenzen zu ziehen. Diese nun muß der Einzelne für sich selbst ziehen, die Ekklesia aber für alle, auch wenn sie unbequem sein mögen.
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Man könnte noch viel zu diesem Gastbeitrag von Pater Mertes schreiben. Über seine sehr eigene Lesart des Katechismus, der den Respekt gegenüber homosexuellen Menschen mit dem Gutheißen von Homosexualität gleichzusetzen scheint. Der dort, wo man nachhaltig Bedenken gegen die Propagierung homosexueller Lebensentwürfe hegt, gleich Diskriminierung wittert. Ich fühle mich ja auch nicht stante pede diskriminiert, wenn jemand zum Ergebnis kommt, mein Lebensentwurf mit all seinen katholisch-traditionellen Implikationen und Ansichten sei falsch und abwegig. Man könnte über die rosarote Brille noch mehr schreiben, die das Ideal von Ehe und Familie nicht in Gefahr sieht - was zutreffend wäre, betrachtete man das konkrete Thema losgelöst von manch anderen Entwicklungen, zu denen oben bereits einiges gesagt wurde. Man könnte über die romantische Vorstellung von Liebe und Treue bei homosexuellen Paaren sprechen, die Pater Mertes evoziert, die jedoch mit gewissen Gepflogenheiten "in der Szene" eher wenig gemein hat (man spreche nur einmal einen homosexuellen Bekannten des je eigenen Vertrauens darauf an). Ich belasse es allerdings bei einer Einschätzung, die hart klingt, aber um die ich - auch im Blick auf die Frage nach den Geschieden-Wiederverheirateten - mehr und mehr nicht herumkomme ...
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Eine Pastoral, welche die Sünde nicht mehr kennt, mag für dieses Leben sehr angenehm sein, taugt aber nicht für die Ewigkeit.
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Der Beitrag von Pater Mertes kann hier nachgelesen werden.

Kommentare:

Leo hat gesagt…

Schadet nichts, einem bundesweit bekannten Theologen auf die Finger zu fühlen ...

Leo hat gesagt…

Was mir bei der ganzen öffentlichen Sexualitätsdebatte fehlt, ist die Diskussion darüber, wie eigentlich Homosexualität praktiziert wird. Mertes wäre relativ leicht auszuhebeln, wenn man ihn danach fragen würde. Bestimmte Praktiken wird er kaum mit dem Prädikat "wertvoll" belegen können!

Andreas hat gesagt…

Nun ja, was immer man sich darunter vorstellen mag ... ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich Teil einer öffentlichen Debatte sein sollte. Es scheint aber andere Dinge zu geben, die, wenn sie stimmen, thematisiert gehören: Etwa, daß unter nicht wenigen homosexuellen Männern ein regelrechter Jugendkult herrsche, der selbst wieder mit Ausgrenzung jener einhergehen soll, die nicht ins Bild passen.

Da stellt sich die Frage, ob die angeblich hohe Depressions- und Selbstmordrate unter homosexuellen Männern eine Folge irgendeiner Diskriminierung sei oder nicht auch hausgemacht sein könnte ...

martina hat gesagt…

Eine Pastoral, welche die Sünde nicht mehr kennt, mag für dieses Leben sehr angenehm sein, taugt aber nicht für die Ewigkeit.

Ich bin davon überzeugt aber:
Glaubt man noch an Sünde oder Ewigkeit?

Andreas hat gesagt…

Ich vermute: Man glaubt schon daran, daß nach dem Tod noch irgendwas kommt, was irgendwie mit Gott zu tun hat.

"Sünde" scheint mir aber für die meisten Theologen nur noch eine soziale Kategorie zu sein - ein Verstoß gegen Mitmenschlichkeit.

Ich werde in den nächsten Tagen dazu auch noch etwas schreiben.

Wolfram hat gesagt…

Zum zweiten Leo-Beitrag fielen mir spontan die Worte ein: für den A... (ich setz mich lieber drauf.)

btw, wer ist eigentlich auf die Idee gekommen, den Begriff "Sodomiten" auf Zoophilie anzuwenden? Dabei ist das ein Begriff, der a) zutrifft und b) nicht despektierlicher ist als Alexandriner.

Schließlich: ich glaube nicht an die Sünde. Ich glaube an Gott den Vater, Sohn und Heiligen Geist.
Aber ich halte die Sünde für eine Realität weit jenseits von einem Stück Torte zuviel oder (wer erinnert sich an die Werbung?) einem französischen Kleinwagen.

Andreas hat gesagt…

Wenn Martina und ich vom "glauben" an die Sünde gesprochen haben, dann in einem übertragenen Sinn und natürlich nicht im Sinne eines Aktes des Vertrauens oder gar der Hingabe ... ;-)

Severus hat gesagt…

Ganz hervorragend, dieser Beitrag !
Erlaube mir zu zitieren und zu verlinken.

Andreas hat gesagt…

Nur zu ... ;-)