Montag, 30. Dezember 2013

Vom Rück-, Hin- und Vorblicken

Einige weihnachtliche Gedanken, die mir dieser Tage unter die Augen gekommen sind; sozusagen die Auflösung der Spannung, die das zweifache adventlichen Harren begleitet, insofern es ein Harren auf das Weihnachtsfest einerseits und andererseits auch Wachen auf die Wiederkunft des Kyrios ist - und zudem ein Impuls, wenn man in diesen Tagen Vergangenes und Kommendes ohnehin in den Blick nimmt ...
Das geschichtliche Ereignis, im göttlichen Kinde verleiblicht, weist aber zugleich in die Zukunft. "Heute wißt ihr: Der Herr kommt, uns zu erlösen, und morgen schaut ihr Seine Herrlichkeit". Aus der Anamnese wird Prophetie, aus der rückschauenden Erinnerung wird vorschauende Verkündigung. Das geschichtliche Begebnis verwandelt sich mit anderen Worten vor unseren geistigen Augen in die eschatologische, das heißt in die endzeitliche Herrlichkeit.
Denn das Kind in der Krippe, das zur Weihnacht erinnert wird, ist der Erlöser der Welt. Ist jener Eine und Einzige, der unter uns lebte und wirkte, der durch den Tod in die Auferstehung schritt und durch die Auferstehung in die Herrlichkeit. Jesus Christus, Alpha und Omega, der Anfang und das Ende. Wie ihn Stephanus, der weihnachtliche Erstzeuge, sterbend geschaut: "Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn stehen zur Rechten Gottes!"
Dies aber ist einfach großartig! Derselbe Messias, der heraufsteigt aus den Tiefen der Geschichte, der herabsteigt aus den Höhen des Himmels, derselbe Messias kommt uns entgegen vom fernen Horizont her aller Geschichte. Er schreitet auf uns zu aus seiner eschatologischen Herrlichkeit. Und wiederum wir, Gläubige und Abseitige, Menschen aller Zonen und Zeiten, wir pilgern ihm entgegen. "Richtet euch auf und hebt eure Köpfe, denn eure Erlösung kommt heran!"
Weihnachten feiern bedeutet also nicht nur, sich erinnern, es bedeutet auch, vorauszuschauen. Das lebendig Erinnerte aber und das gläubig Erwartete werden zur Einheit gebunden in der Festfeier der christlichen Kirche. Anders gesagt: Die geschichtliche Einmaligkeit und die eschatologische Endgültigkeit werden pralle Gegenwärtigkeit im lebendig vollzogenen Christtagsgeheimnis. "Heute wißt ihr: Der Herr kommt, uns zu erlösen, und morgen schaut ihr seine Herrlichkeit". 
Theoderich Kampmann: Licht in der Nacht. Die adventlich-weihnachtliche Botschaft. München 1963. S. 72.

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