Freitag, 22. November 2013

Von Cäcilia, der Sache des Liebenden und den Orgeln in den Bäumen

Die hl. Cäcilia - Glasfenster in der ehemaligen
Abteikirche St. Maria zu Gengenbach
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Daß die heilige Cäcilia jemals an einer Orgel gespielt haben könnte, darf als ziemlich ausgeschlossen gelten. Zwar gab es zu Lebzeiten der Heiligen tatsächlich auch Orgeln; diese aber beheulten vor allem Zirkusspiele und Gladiatorenkämpfe - und ein halber Gladiator mußte der Organist mutmaßlich sein, um dem eher störrischen Instrument Töne zu entlocken (noch im Mittelalter wurden die - reichlich breiten - "Tasten" nicht mit dem Finger gedrückt, sondern es wurde mit der Faust drauf gehauen, woher die gängige Rede vom "Orgel schlagen" rührt).
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Es war jener berüchtigte Übersetzungsfehler einer Antiphon aus dem Stundengebet, der die heilige Cäcilia an eine Orgel setzte: Cantantibus organis Cæcilia Domino decantabat: Was eben nicht heißt, daß Cäcilia dem Herrn gesungen hätte, während sie Orgel spielte, sondern daß sie sozusagen gegen das zeitgleiche "Singen" von Instrumenten (Cantantibus organis) dem Herrn mit besonderer Inbrunst gesungen (de-cantabat!) habe. Gemeint sind übrigens jene Instrumente, die bei ihrer nicht gerade freiwilligen Vermählung aufspielten; eine Zirkusorgel dürfte kaum dabei gewesen sein.
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Womöglich hätte die Orgel in der abendländischen Kirche ohnehin niemals reüssiert, wäre dem nicht eine weitere Übersetzungsfinte zu Hilfe gekommen. Hierbei handelt es sich um den zweiten Vers des 136. Psalms (ich sage nur By the rivers of Babylon von Boney M) ... In salicibus in medio eius / suspendimus organa nostra: "An den Weiden in seiner Mitte / hängten wir unsere Instrumente auf" läßt der Psalmist das im babylonischen Bann trauernde Volk Israel seufzen. Was wurde später draus? "An den Weiden in seiner Mitte / hängten wir unsere Orgeln auf" - mir kam dazu auch einmal eine mittelalterliche Illustration unter die Augen, bei der dann kleine Orgeln in den Bäumen hingen. 
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Also alles Schmus mit Cäcilia und der Orgel und der Musik überhaupt? Zur Orgel mag Cäcilia gewiß so schräg wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kind gekommen sein, aber letzteres muß man deswegen eben auch nicht mit dem Bad ausschütten. Vergessen wir nicht: Die betende Ekklesia stellt uns die Heilige als Sängerin vor Augen, wenngleich auch nur mit einem Gesang des Herzens: Cæcilia Domino decantabat ...! Mir fällt dabei das berühmte Zitat des hl. Augustinus ein, "Singen" sei "eine Sache des Liebenden". Die Liebe nun können wir der Jungfrau und Martyrin Cäcilia gewiß nicht ... und den Gesang wollen wir ihr nicht bestreiten. Daß aber auch wir in diesem Geist singen mögen, dazu helfe uns die heilige Cäcilia mit ihrer Fürsprache: ora pro nobis!
"Singt dem Herrn ein neues Lied! Singt dem Herrn, alle Länder!" (Ps 95,1). Was der Psalm "neues Lied" heißt, nennt der Herr "ein neues Gebot" (Joh 13,34). Was bedeutet "neues Lied", wenn nicht "neue Liebe"? Singen ist Sache des Liebenden. Die Stimme des Psalmsängers ist die Glut heiliger Liebe (St. Augustinus, Predigt 336, 1).

1 Kommentar:

sophophilo hat gesagt…

Einfach schön!

Bei den Orgeln in den Bäumen hab ich mich gekugelt.
made my day ;)