Samstag, 30. November 2013

Höllenbilder und eine tröstliche Vermutung - Gedanken zu einem Text des Requiems

Das jüngste Gericht (Detail: die Höllenfahrt der 
Verdammten) - Augustiner Museum, Freiburg
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Der sehr alte und ehrwürdige Gesang Domine Jesu Christe zum Opfergang innerhalb der Totenmesse ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert: Einmal, weil er seit der Liturgiereform des Zweiten Vatikanums aus dem Missale Romanum verschwunden ist, dann der responsorialen Form wegen, nicht zuletzt aber auch, weil sein Gedankengang im Kontext der Seelenmesse ungewöhnlich ist. Denn nimmt man den Text ernst, so lesen wir keine Bitten um die Erlösung aus dem Purgatorium, sondern hören ein Flehen, die Seele(n) vor der Verdammnis zu bewahren. Dieser letzte Themenkreis wird zwar auch in anderen Texten des Requiems angesprochen, vor allem in der weit jüngeren Sequenz Dies iræ; dort aber liegt der Schwerpunkt eher darauf, das (allgemeine) Gericht im Rahmen einer meditatio mortis den Betenden vor Augen zu führen. Das Domine Jesu Christe hingegen verknüpft die Bitten mit der Bewahrung vor den "Strafen der Hölle" unmittelbar mit Bitten um die Erlösung jener Seelen, "derer wir heute gedenken":
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Domine Jesu Christe, Rex gloriæ,
Kyrios Jesus Christus, König der Herrlichkeit,
libera animas omnium fidelium defunctorum
befreie die Seelen all der verstorbenenGläubigen
de pœnis inferni et de profundo lacu:
von den Strafen der Hölle und aus dem tiefen Abgrund:
libera eas de ore leonis,
errette sie aus dem Rachen des Löwen,
ne absorbeat eas tartarus,
damit das Totenreich sie nicht in sich zwinge,
ne cadant in obscurum.
und sie nicht fallen ins Zwielicht der Schattenwelt.
Sed signifer, sanctus Michael,
Dein Bannerträger aber, der heilige Michael,
repr
æsentet eas in lucem sanctam:
führe sie auf in das heilige Licht:

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Quam olim Abrah
æ promisisti et semini eius.
Das Du einst Abraham verheißen hast und seinen Nachkommen.
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Hostias et preces tibi, Domine, laudis offerimus:
Opfergaben und Bitten bringen wir Dir, Herr, unter Lobgesang:
Tu suscipe pro animabus illis,
Nimm Du sie an für jene Seelen,
quarum hodie memorium facimus:
derer wir heute gedenken:
fac eas, Domine, de morte transire ad vitam.
Lasse sie, Herr, vom Tode hinübergehen in das Leben.
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Quam olim Abrah
æ promisisti et semini eius.
Das Du einst Abraham verheißen hast und seinen Nachkommen.
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Die beschworenen Bilder von den Höllenstrafen (pœnis inferni), dem tiefen Abgrund (profundo lacu, was in der weitesten noch wörtlichen Bedeutung von profundus einen "bodenlosen See" bezeichnen kann) und vom Rachen des Löwen (ore leonis) laufen mit der Bitte, das Totenreich sauge (oder auch: schlürfe) die Seelen nicht in sich hinein (ne absorbeat eas tartarus), auf einen Höhepunkt zu, der wiederum abklingt im Flehen, die Verstorbenen mögen nicht dem Zwielicht der Schattenwelt anheimfallen (ne cadant in obscurum). Im Gegensatz zum Obskuren steht alsdann das heilige Licht, in das der Erzengel Michael die Seelen aufführen möge (repræsentet eas in lucem sanctam).
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Die aufwühlenden Schreckensbilder wirken kaum noch wie Metaphern für das Fegefeuer, sondern illustrieren die Hölle. Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Blick auf das antike römische Gefängniswesen: Man kann sich einen römischen Kerker vermutlich als Anlage mit drei Geschossen vorstellen; die unterste Abteilung, der Unterkerker, bestand aus einem stinkenden, dunklen und unwirtlichen Verließ, in der Regel nur über ein Loch oder eine Falltür in der Decke erreichbar - wer dort hineingeworfen wurde, war unweigerlich dem Tod geweiht. Dieser schier auswegslose Ort hatte diverse Namen und wurde wahlweise barathrum, tullianum oder eben auch infernum oder lacus genannt. Letztere Bezeichnungen begegnen uns wieder im Text des Responsoriums.
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Wir haben also den interessanten Fall, daß die betende Ekklesia mit einem Text, in dem sie um die Erlösung bestimmter Seelen (oder der jeweils einzelnen Seele) betet, die Zurüstung des eucharistischen Mysteriums begleitet, und in eben jenem selben Text auch darum bittet, diese Seele(n) möge(n) vor der Hölle bewahrt bleiben - und dies nach (!) dem Tod, bei dem sich das Schicksal der Seele(n) bereits entschieden hat, die "letzten Dinge" im Kern bereits geregelt sind.
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Womöglich steht dahinter der Glaube, daß dieses heilige Mysterium unserer Zeit enthoben ist, weil es aller Zeit umittelbar ist, und daß Gott ohnehin auch um all jene Gebete bereits weiß, die für einen verstorbenen Menschen von der Ekklesia und ihren Gläubigen noch dargebracht werden - und daß all das wiederum auch eine Rolle spielen könne bei der Rettung einer gefährdeten Seele in hora mortis?
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Es wäre auf jeden Fall ein trostreicher Gedanke. Und der Gesang Domine Jesu Christe wäre, am Rande bemerkt, weit mehr als nur das, was ihm bei der Liturgiereform auch unterstellt wurde: eine Beschwörung diverser Schreckensvisionen, welche einer erneuerten Liturgie, die auf die christliche Hoffnung ihren Schwerpunkt legen möchte, nicht anständen.

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