Samstag, 2. November 2013

Die unbestandne Not

Ein Sonett von Reinhold Schneider suchte ich für diesen Eintrag, da mir war, als hätte ich früher bereits eines zum Allerseelentag von diesem Dichter gelesen. Doch fand ich es nicht in meiner Ausgabe. Ein anderes kam mir unter die Augen, beherrscht vom De profundis-Motiv, "Allerseelen" könnte man es ebenfalls nennen. Wir mögen die Toten darin erkennen, die wir in ihrer letzten Läuterung im Gebet begleiten. Aber auch uns werden diese Zeilen betreffen, uns, gebeugt in Unzulänglichkeit, aufgerichtet in Hoffnung ...
.
Doch auf dem tiefsten Grunde meiner Tage
Seh' ich mein Bild und seh' es klarer werden:
Mein ruhlos Sein, das war die Not auf Erden
Und meine dunkle Ahnung, die ich trage.
.
O Bild, das ich mit heißem Schmerz befrage,
Du trägst die Spur unendlicher Beschwerden,
Erhellt von Krieges hochentflammten Herden,
Vom Blitz des Schwertes und vom Blitz der Waage.
.
Denn meiner Seele unbestandne Not
War tief verborgen in verworfner Zeit,
Und all ihr Leid, ich mußte ihm begegnen.
.
Groß war der Tag und heilig sein Gebot,
Und mit der Gnade der Wahrhaftigkeit
Wird Gott des Tages letzte Streiter segnen.
.
Reinhold Schneider: Die Sonette von Leben und Zeit, dem Glauben und der Geschichte. Köln und Olten 1954. S. 66.

Keine Kommentare: