Dienstag, 22. Oktober 2013

Ideologische Christen? Oder: Glaube statt Trotz

Streng genommen dürfte ich diesen Eintrag nicht online stellen, da ich selbst von Zeit zu Zeit meine Rappeltage habe und den Verbalprügel aus dem Sack ziehe, um auf reformversoffene Zeitgeister einzuschlagen. Ich fürchte, ich neige dann zu einem nicht allseits bekömmlichen Sarkasmus und kann mir wüste Beschimpfungen nur mit Mühe verkneifen. Freilich läuft es in der Blogozese nicht viel anders als in unseren heißgeliebten Medien: Je mehr Krawall, desto mehr Leser - die einen haben ihre Auflage, unsereiner die Zugriffszahlen. Das aber ist nicht immer der edelste Ansporn.
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Andererseits fällt mir manchmal die Kinnlade runter, wenn ich lese, was andere auf frommen blogs und frömmeren Portalen und allerfrömmsten Kommentarspalten in die Welt setzen. Gerade vorhin zum Beispiel: Ich schaute auf einer unserer katholischen Underground-Nachrichtenseiten vorbei - es ging um eine Frau, die gerne einen Mann heiraten würde, der wiederum auch sie gerne ehelichen möchte, alldieweil beide schon lange Zeit zusammenleben und eine Hochzeit wäre unzweifelhaft eine wunderbare Sache, wäre der Mann nicht zwischenzeitlich ins Wachkoma gefallen und eine Eheschließung gerichtlich untersagt worden, obschon beider Ehewille offenkundig dokumentiert sei ... und so weiter und so fort und also tat sich auch die Kommentarspalte auf ... die erste "fromme" Einschätzung, derer ich dort gewahr wurde, begann mit den Worten "Selbst schuld!"
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Sehr mitfühlend! Mir kamen die "ideologischen Christen" in den Sinn, von denen Papst Franziskus jüngst sprach, aber das mag wieder eine andere Baustelle sein. Oder auch nicht. Aber wie meinte noch der heilige Augustinus ... die Sünde hassen und den Sünder obendrein? Wäre das Zitat so korrekt, es würde vor allem eines bedeuten: Daß wir uns selbst - Hand aufs Herz! - von morgens bis abends ziemlich oft hassen müßten. Tun wir natürlich nicht, und das mit gutem Grund. Nur - was uns frommt, sollte auch für andere gelten.
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Die Reaktionen des Kyrios Christus auf uns Sünder und unser Los lauten jedenfalls nicht "Selbst schuld!", sondern bestehen in Erbarmen und Liebe und in der (sehr ernsten!) Ermunterung zum Neustart. Ehe wir nun andere bekehren, müssen wir also zuerst uns selbst bekehren. Ehe wir andere in die Hölle versetzt sehen, müssen wir zuerst darauf achten, daß nicht wir ob fortgesetzter Lieblosigkeit dort landen. Ehe wir anderen ihren mangelnden Glauben zum Vorwurf machen, müssen wir uns zuerst fragen, wie ernst wir es mit dem Glauben bei uns nehmen: ob er in uns wirklich lebendig sei oder nur aus einem quasi mechanischen Vollzug diverser Regeln und Gebote bestehe? 
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Es nützt auch nichts, um nochmals auf ein Wort von Papst Franziskus zurück zu kommen, wenn wir am laufenden Meter Gebete hersagen, sofern unser Herz dabei finster ist und verkrampft in Selbstgerechtigkeit und Besserwisserei, sofern wir von Unzufriedenheit zerfressen werden und uns dabei auch noch für die besseren Christen halten.
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Der Glaube - nämlich und aber - kommt mit der Hoffnung und der Liebe daher, und wo trotz aller Unbill der Zeit und einer aus den Fugen geratenden Welt die Hoffnung fehlt und die Liebe kalt ist, da besteht Gefahr: Gefahr, daß es auch mit dem Glauben nicht weit her sein mag. Der Glaube nämlich ist keine genuine Trotzhaltung, aber so manche Trotzhaltung bringt uns in Gefahr, diese für Glauben zu halten und in fruchtlosem Trotz zu verharren, wo wir doch im Glauben gerufen sind, die Welt zu verwandeln, um sie selbst zu überwinden und ihr im gleichen Atemzug zu helfen, sich selbst hinter sich zu lassen: "Alles, was aus Gott geboren ist, überwindet die Welt, und der Sieg, der die Welt überwindet, ist unser Glaube!" (1 Joh 5, 4).
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Diese Welt nun sollen wir keineswegs durch die rosarote Brille betrachten, sondern durch diesen Glauben ermessen. Wohlgemerkt: Ermessen! Nicht bemessen! Das Bemessen dieses Aions ist allein Gott vorbehalten, den wir als gerechten und barmherzigen Gott bekennen. Gottes Gerechtigkeit aber können wir ebenso wenig berechnen wie seine Barmherzigkeit ausloten, weder für die Sünder noch für die Frommen, weder für uns noch für die anderen. Alles andere wäre vermessen! Nicht wir sprechen jenes Urteil, das allein ihm vorbehalten ist.
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Wenn wir aber - und das kann uns rasch widerfahren - in Versuchung geraten, uns über andere erhoben zu wähnen, weil wir es ja schließlich seien, welche um Gottes Wort wissen und Gottes Gebote zu erfüllen trachten täten, derweil andere im Sündenschlamm der Hölle entgegen kreuchten, dann sollten wir uns vor Augen halten, daß auch wir nur unnütze Knechte sind, die versucht haben, ihre Schuldigkeit zu tun (vgl. Lk 17, 10). Den Rest dürfen wir getrost Gott überlassen.

Kommentare:

Gabriele hat gesagt…

Das spricht mir aus dem Herzen

Tiberius hat gesagt…

Amen!

Bellfrell hat gesagt…

Gott und Dir sei Dank, daß Du Du diesen Beitrag online gestellt hast.