Freitag, 4. Oktober 2013

Die "Transsubstantiation" des Alten Testaments

Vor einiger Zeit hatte ich mit der Lektüre des Buches Psalmengebet im Lichte des Neuen Testamentes der Hersteller Benediktinerin und vom dortigen Spiritual Odo Casel OSB geprägten (vgl. hier) Sr. Synkletika Grün OSB begonnen. Für eine Weile ist es aus meinem Blickfeld geraten; zwischenzeitlich lese ich darin weiter - und sehe mich durch die dabei immer mehr ermuntert, das Alte Testament konsequent und radikal auf Christus hin zu lesen ...
Von Pascha, dem Urquell der christlichen Liturgie, erhält das pneumatische Verständnis des Alten Testamentes seinen stärksten Antrieb. Pascha gibt in ausgezeichneter Weise der Schriftauffassung der Kirche "stets junge Blüte, Frische und Vielseitigkeit" (Odo Casel); denn im Vollzug dieses Festes tritt das, was von der Verwendung des Alten Testamentes in der Kirche schlechthin gilt, eindringlicher als sonst hervor; unmittelbarer empfindet man, wie das Schriftwort, das aus dem jüdischen Tempelkult in den christlichen Gottesdienst verpflanzt wurde, mit dem neuen "Sitz im Leben" auch eine neue Eigenständigkeit erhalten hat. Treffend hat das Friedrich Heiler gekennzeichnet, indem er ausführt: 
"Das Alte Testament ist in der katholischen Kirche immer ein Glied im großen Organismus des kirchlichen Gesamtlebens gewesen. Seine Stellung und Bedeutung ist durch den lebendigen Christus bestimmt ... Die Wertung der Schriften des Alten Bundes ist ... ebenso frei von Überschätzung wie von Unterschätzung und zeigt jene Harmonie und Balance, welche die Eigenart der katholischen Geisteshaltung ausmacht". Die Texte haben alles zeitgeschichtlich begrenzte, alles bloß und eng 'Jüdische' "abgestreift, indem sie in das Licht des Neuen Testaments gerückt sind, dienen vielmehr der Veranschaulichung des jeweiligen heilsgeschichtlichen Geheimnisses ... So schwindet in der Liturgie der katholischen Kirche der Abstand, der das Alte und das Neue Testament trennt ... Alle sinnfällige Gottesbegegnung der alttestamentlichen Väter schließen sich zu einer inneren Einheit und werden zu Antizipationen des großen neutestamentlichen Heilsgeschehens ... So steht das alttestamentliche Schriftwort ganz im Dienst der neutestamentlichen Glaubensverkündigung, wird von ihr bestimmt, beleuchtet, ja verwandelt, transponiert, transformiert, transsubstantiiert" (Das AT in der abendl.-kath. Liturgie; Eine hl. Kirche 16 (1934) S. 113-116).
Stärker kann man die völlig veränderte Rolle des Alten Testamentes in der Kirche wohl kaum ausdrücken. Die drei Verben, die mit der hinüberziehenden Gewalt des "trans" geladen sind, machen es förmlich greifbar, wie das alte Schriftwort in die neue Substanz des Christusmysteriums hineingezogen und ihr angeglichen sind. Der sakramental unter uns handelnde Christus selbst wirkt diese Verwandlung.
Synkletika Grün OSB: Psalmengebet im Lichte des Neuen Testamentes. Regensburg 1959. S. 62 f. Bisherige Auszüge aus diesem Buch hierhier und hier.

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