Samstag, 28. September 2013

Schmeißt doch mal das Mikro weg!

Kanzel - Klosterkirche St.
Trudpert, Münstertal
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Von Zeit zu Zeit schiebe ich gerne kurze Auszüge aus Barockpredigten hier auf die Seite - Texte (etwa hier oder hier), deren Reiz sich womöglich vor allem dann erschließt, liest man sie laut, mit einem ordentlichen Schuß Pathos und mit barocker Theatralik - die Vorstellung eines reich gestikulierenden "Kanzelredners", der sich durch unzählige Stimmlagen, Stimmungen und Affekte moduliert, kann dabei hilfreich sein. Uns heute mag die gedrechselte Sprache der Altvorderen mit all den damit verbundenen rhetorischen Akzidentien mitunter wie Mummenschanz vorkommen, aber jede Zeit hat nun einmal ihren Stil - und übrigens auch ihre Not. Denn je größer der Kirchenraum, desto mehr dürfte sich ein Prediger einfallen lassen müssen, wenn er zum Beispiel kein Mikrophon hat.
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So gesehen ist der Einzug moderner Tontechnik in den Kirchenraum ein zweischneidiges Schwert. Vor Jahren, zwanzig mögen es schon sein, besuchte ich das Sonntagsamt in einer französischen Kapelle der Piusbruderschaft, irgendwo in der Normandie. Von der Predigt habe ich nicht allzuviel verstanden. Aber ich erinnere mich gut an den Prediger: Die kräftigen Unterarme breit auf ein geschmiedetes Pult gefläzt, brachte er seine Botschaft in einem leicht gelangweilten Plauderton an seine Herde. Mikrophone machen so etwas möglich.Vielleicht hat er irgendetwas vom Evangelium erzählt, vielleicht aber auch das örtliche Telephonbuch vorgelesen, keine Ahnung.
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Ich habe manchmal den Verdacht, daß die Verkündigung früher, als es noch keine Mikrophone gab, insgesamt etwas, sagen wir einmal: "feuriger" war. Wollte man verstanden werden, dann mußte man die Stimme anheben, lauter sprechen, deutlich artikulieren, auf die Akustik achten, den Körper unter Umständen in Bewegung setzen. Heute reicht es, sich vor das Mikrophon zu stellen und einige Sätze aufzunuscheln, ohne sich sorgen zu müssen, das Gesagte könnte - zumindest rein akustisch - unverständlich geraten. Mit "Verkündigung" im Vollsinn des Begriffs hat diese Art der "Beredsamkeit" allerdings wenig gemein.

Und ich überlege manchmal, ob das nicht sogar mit ein Grund ist, daß das Wort viele Menschen nicht mehr erreicht. Übrigens, auch nur ein Gedanke, aber ... so manche Häresie spricht sich leichter ins Mikrophon, so manche Kirchenkritik vertraut man ohne zu Zögern den Lautsprechern an, solang man selbst nicht den Eindruck hat, sie zu "laut" und mit vollem Einsatz, sondern eher en passant, "unter ferner liefen" geäußert zu haben.

Damit keine Mißverständnisse aufkommen: Das soll hier kein Plädoyer dafür sein, die Heilige Liturgie um einen Showact anzureichern. Ein Prediger soll kein Theater machen. Aber er sollte seine Talente und Reserven auch nicht hinter einem Mikrophonen verstecken oder sogar mit Blick aufs Mikrophon wegdämmern lassen (und seine Hörerschaft gleich mit). 
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Der Gang auf die Kanzel (sofern vorhanden) könnte, denke ich, helfen bzw. nötigen, besagte Talente und Reserven zu aktivieren und zu kultivieren. Ohne Mikro, versteht sich, aber mit vollem Einsatz!

Kommentare:

ed hat gesagt…

Auch Gesang klingt ohne Mikros viel schöner und noch hinzu kommt, dass ein Priester ohne Mikro nicht nur auf der Kanzel ansprechend "vortragen" muss, sondern auch während der ganzen Messe....
In Spanien war ich in einigen tridentinischen Messen, die ebenfalls ohne Technik zelebriert wurden und dadurch ihren ganz eigenen Reiz bekamen und die hervorragende Akustik barocker Kirchen bewiesen.

Phil hat gesagt…

"Damit keine Mißverständnisse aufkommen: Das soll hier kein Plädoyer dafür sein, die Heilige Liturgie um einen Showact anzureichern. Ein Prediger soll kein Theater machen."

Warum eigentlich nicht? So lange der Priester nicht einfach sich selbst, sondern die Botschaft in den Vordergrund stellen will, leistet er einen guten Dienst, indem er die Mittel der Rhetorik und Gestik nutzt.

Letztlich ist es ein ähnliches Problem wie die Reden unserer Politiker nowadays: In der Sorge, bloß nicht populistisch zu sein palavern sie dröge und inhaltsleer dahin. Hier wie dort würde ich mir deutlich mehr gute Redner wünschen.

Andreas hat gesagt…

Phil, mit "Theater" meinte ich auch mehr den zuvor erwähnten "Showact" (im Sinne einer schlechten Selbstdarstellung).

Sofern das ausgeschlossen ist, dann können gerne die "Mittel der Rhetorik und Gestik" ausgekostet werden; da dürfte wir uns, denke ich, einig sein!