Mittwoch, 4. September 2013

Licht und Gestein, der Sonne Glanz, des Mondes Schein ... beseelte Welt?

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In einem sehr schönen Beitrag spürt Geistbraus der beseelten Welt nach (hier) und stellt dabei fest, daß Kinder offenbar in einer solchen leben:
... sie sprechen mit Tieren und Bäumen, mit Autos und Ampeln. Und ich finde diese naive Art, die Welt mit staunenden Augen zu sehen, eigentlich sehr christlich.
Nicht nur eigentlich christlich, möchte man anmerken. Als ich den Text gelesen habe, fielen mir einige Gedanken wieder ein, die Benedikt XVI. einst als Dogmatiker in Tübingen in seinem Buch Dogma und Verkündigung [München 1973] niedergeschrieben hat. Unter der Überschrift "Beten in unserer Zeit" kommt Ratzinger auf damals wie heute aktuelle Schwierigkeiten des Betens zu sprechen und erläutert dies beispielhaft an "jenen Gebeten", die sich ...
... unmittelbar auf weltliche Wirklichkeiten beziehen: bei der Flurprozession auf dem Lande, beim Wettersegen, der um Abwehr von Gewitter, um Fruchtbarkeit, um Sonne und Regen fleht. Das scheint nur Sinn zu haben, solange man die Welt von beseelten Ursachen gelenkt wähnt, die Wind und Wetter, Regen und Sonne zuteilen und daher durch Zureden freundlich gestimmt, durch Nachlässigkeit aufgebracht werden können. Aber wo der durchgehende mechanische Kausalnexus erkannt ist, rückt man dem Problem mit rationalen Methoden zu Leibe: mit allem, was uns die Wissenschaft an Möglichkeiten der Lebenssicherung bietet.
Wozu beten? Weder scheint es zu helfen, wenn der Mensch ein Unglück nicht verhindern kann, noch scheint es nötig, wo ihm dies gelingen mag. Doch lassen wir die Frage nach dem Sinn des Gebetes an dieser Stelle hinter uns. Es geht hier um die Natur, und da gilt, daß alles, womit wir es konkret zu tun bekommen, sich messen läßt und beschreiben und naturwissenschaftlich auswerten - und damit auch beeinflussen, manchmal jedenfalls. Aber ist das "wirklich" alles? Man müsse, wendet Ratzinger ein, ...
... eine ketzerische Frage stellen: War den der Animismus (d. h. die Lehre, daß die Welt von beseelten Ursachen gelenkt werde) wirklich ganz falsch? Oder fallen wir vielleicht nur in den anderen Straßengraben, indem wir nur noch mechanisch denken? Ist denn z. B. der Mensch nichts? Fügt er nicht als organische Ganzheit, als lebendiges, denkendes, fühlendes, empfindendes Wesen der Welt einen neuen Faktor ein, durch den Neues in ihr geschieht? Noch konkreter: Ist denn das spezifisch Humane nichts? Sind denn Vertrauen und Mißtrauen, Angst und Hoffnung, Egoismus und Liebe keine Mächte, die die Welt verändern? Kann eigentlich die Liebe nichts oder ist sie eine Macht, die eine Welt aufbaut, weil sie Intuition, Schauen, Hören erschafft und damit Kräfte entbindet, die die Welt verwandeln?
So gesehen, so würde ich das jedenfalls verstehen, existieren offenbar Wirkmächte, die sich in ihrer Wirkung einer rein naturwissenschaftlichen Beschreibung und Voraussage entziehen: Der Geist macht lebendig, der Mensch tritt in einen Dialog mit seiner Umwelt, teilt sich seiner Umwelt mit und macht seine Umwelt zu einem Teil von sich selbst. Wichtig dabei: Er kann sich dem Gesetz einer prädestinierenden Kausalität entziehen. 
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In seiner Ebenbildlichkeit zu Gott spiegelt er damit den Austausch Gottes mit seiner Schöpfung - mit dem kleinen Unterschied, daß die Mitteilung Gottes in seine Schöpfung hinein weitaus umfassender und totaler ist als die Selbstintegration des Menschen in diese Schöpfung, welche, da er selbst Geschöpf ist, immer nur beschränkt bleiben kann. Immerhin reichte sie - leider, muß man sagen - weit genug, um diese Schöpfung mit in die Sünde zu ziehen und sie so zu verwunden. In diesem Sinne, verflochten mit Schöpfer und Mensch, ist das Harren der Schöpfung, von der Paulus in Röm 8, 19 schreibt, eben jenes Harren auf die Offenbarwerdung der Kinder Gottes, das die Welt verwandeln wird. Wir sind nicht weit von dieser beseelten Welt entfernt.
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Es lobt das Licht und das Gestein
gar herrlich dich mit Schweigen.
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heißt es im Altenberger Wallfahrtslied zur Ehre Unserer Lieben Frau. Ein schöner Gedanke, aber ich glaube, er ist nicht ganz richtig. Licht und Gestein schweigen nicht. Sie sprechen nur eine Sprache, die wir in dieser Zeit zwar hören, aber nicht recht verstehen können. Glücklicher sind daher die nächsten Verse gefunden:
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Der Sonne Glanz, des Mondes Schein
will deine Wunder zeigen.
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Wir aber kommen aus der Zeit
ganz arm in deine Helle
und tragen Sünde, tragen Leid
zu deiner Gnadenquelle.

Kommentare:

Gereon Lamers hat gesagt…

Großartig! Danke.

GL

Wolfram hat gesagt…

Oder fallen wir vielleicht nur in den anderen Straßengraben...

Ob André Birmelé diese Formulierung kannte, als er - in der Christologie-Vorlesung - noch spitzer formulierte: "Orthodoxie ist, wenn Sie gleichzeitig auf beiden Seiten vom Pferd fallen." ...?

Andreas hat gesagt…

Warum deucht mich das jetzt irgendwie recht mehrdeutig ...? ;-)

Wolfram hat gesagt…

Je nun. Was wohl beide ausdrücken wollten, ist doch, was ich neulich schön formuliert im fesse-bouc las:
es ist quasi unmöglich, Gott abschließend (man könnte auch sagen: eindeutig) zu beschreiben. Wir haben immer das "aber auch": eins, aber auch drei. Christus wahrer Gott, aber auch wahrer Mensch. Etc. Wenn man nun sich auf das eine festlegt und das andere ablehnt, dann ist man häretisch. Und auf einer einzigen Seite vom Pferd gefallen.